Wer an Paris denkt, hat schnell den Eiffelturm präsent. Der mehr als 300 Meter hohe Eisenfachwerkturm ist seit 130 Jahren das Wahrzeichen der Stadt. Ein Ölgemälde des Eiffelturms von Robert Delaunay in kräftigen, hellen Farbtönen ist nun das Plakatmotiv der neuen Ausstellung, die Kunst-Gäste aus Frankreich nach Schwäbisch Hall bringt: Das Museum für moderne Kunst der Stadt Paris schickt knapp 200 seiner Werke von der Seine an den Kocher.

Unter anderem ermögliche eine Renovierungsphase des Pariser Museums dieses Gastspiel, erklärt Kunsthallendirektorin Sylvia Weber gestern den Pressevertretern, die zwei Tage vor der Eröffnung am Sonntag einen ersten Einblick in die neue Ausstellung „Von Henri Matisse bis Louise Bourgeois“ erhalten. Zwar ist das Umbauteam noch am Werk, muss hie und da Beschriftungen ergänzen oder technische Einrichtungen für die Vernissage vorbereiten. Doch einmal mehr hat sich die Kunsthalle Würth innerhalb von zwei Wochen komplett verwandelt. Fortan verströmen die Räume mit den Leihgaben aus Paris – und einigen wenigen effektvollen Ergänzungen aus der Sammlung Würth – französisches Flair. Es geht zwar nicht ganz streng chronologisch, aber plausibel durchs 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht die Moderne. „Aus Pariser Sicht wird sie nochmals ganz anders erzählt“, so Beate Elsen-Schwedler, stellvertretende Museumsleiterin. Ähnlich scheint es Jacqueline Munck vom Pariser Museum zu gehen. Sie habe bei der Zusammenstellung der Highlights für das Gastspiel in Hall teils selbst einen neuen Blick auf die Werke der Sammlung erhalten, erzählt sie.

Matisse in Schwäbisch Hall Henri Matisse: Vernissage in der Kunsthalle Würth

Fasziniert vom Fliegen

Delaunay hat sein 1926 geschaffenes Eiffelturm-Porträt, mit dem der Besucher im sogenannten Holzgeschoss begrüßt wird, quasi aus der Vogelperspektive gemalt. Die Möglichkeit des Fliegens und die Geschwindigkeit müssen auf den Künstler große Faszination ausgeübt haben, erklärt Munck.

Worum es in der Moderne geht? Darum, die Kunst und die Welt überhaupt neu zu denken, fasst die stellvertretende Museumsleiterin Beate Elsen-Schwedler griffig zusammen. Im Geiste dieses Neu-denken-Wollens kann man nun in Hall auf den Spuren der Moderne durch einen facettenreichen Kunstkosmos streifen. Die Abbildung an sich rückt in den Hintergrund, es geht zusehends um „die Frage der Mittel“, etwa um die Beziehungen der Farben als Mittel des Ausdrucks, erklärt Munck die Anfänge der Entwicklung. Raoul Dufys reizvolles Ölgemälde „Der Aperitif“ von 1908 zeigt beispielsweise eine Landschaft mit leuchtenden Farben, geschwungenen Formen, rote und grüne Bäume mit blauen Schatten.

Kernstück Kubismus

Großen Raum wird dem Kubismus eingeräumt, der alles Organische in eine geometrische Grammatik übersetzt und mehrere Perspektiven gleichzeitig darstellt. Das zeigt sich beispielsweise in Werken von Pablo Picasso und Georges Braque. Auch Werke wie etwa die großformatigen Gemälde „Die Badenden“ von Albert Gleizes oder „Zwischenstopp“ von André Lhote erscheinen kubistisch zerlegt, bleiben aber direkt lesbar.

Die Vielfalt der sogenannten École de Paris wird im Untergeschoss deutlich: Der schönen, melancholischen „Frau mit blauen Augen“ von Amedeo Modigliani stehen seltsam geschundene Figuren von Chaïm Soutine gegenüber. Im Kabinett zu „Dada und Surrealimus“ zieht unter anderem der satingepolsterte Holzschubkarren von Óscar Domínguez die Blicke auf sich. Die Neuen Realisten imponieren mit Witz – wenn etwa Arman 27 weiße Renault-Kotflügel als Skulptur auffächert oder Gérard Des­champs Geschirr- und Handtücher kunstvoll miteinander verknotet in einen Bilderrahmen komponiert. Diese Ausstellung hat wieder viele Hingucker. Ein Besuch wird ob der Üppigkeit und Fülle kaum ausreichen. Auf jeden Fall aber sollte man den Raum unterm Sudhaus auf dem Plan haben – dort ist Louise Bourgois’ raumgreifende, abwehrende und zugleich Geborgenheit vermittelnde Spinne von 1995 aus Bronze und Stahl eindrucksvoll präsentiert.

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Info


Die Vernissage wird am Sonntag um 17 Uhr in der Kunsthalle Würth gefeiert. Ab Montag ist die neue Ausstellung bis 15. September täglich von 10 bis 18 Uhr zugänglich.