Rothenburg o. d. Tauber Im Medieneinsatz für die Demokratie

Daniel Pfänder aus Rothenburg (Mitte, am Rechner) arbeitet für das Schweizer Magazin „Republik“. Das Bild zeigt ihn während einer Redaktionsbesprechung.
Daniel Pfänder aus Rothenburg (Mitte, am Rechner) arbeitet für das Schweizer Magazin „Republik“. Das Bild zeigt ihn während einer Redaktionsbesprechung. © Foto: poject-r (honorarfrei)
Rothenburg o. d. Tauber / Silvia Schäfer 13.02.2018

Die größte Niederlassung Googles auf europäischem Boden ist in Zürich. Hier arbeiten mehr als 3000 Mitarbeiter an Produkten wie Google Maps, Youtube oder Gmail. Doch nicht jeder, der es ins Unternehmen geschafft hat, will bleiben.

Der gebürtige Rothenburger Daniel Pfänder gehört zu den hoch qualifizierten Software-Entwicklern in der digitalen Innovationsschmiede und hat ent­schieden, freiwillig das prestigeträchtige Arbeitsumfeld wieder zu verlassen. Er kündigte, um nach zehn Jahren neue Wege zu gehen, und heuerte beim neuen Schweizer Online-Magazin „Republik“ an, das eine liberale Stimme gegen den aktuellen politischen Rechtsruck sein will. Mit einem fulminanten Start sorgte es bundesweit für Schlagzeilen.

Doch der Reihe nach: Als Sohn eines Lehrers ging Daniel Pfänder aufs Gymnasium, zuletzt in Schwäbisch Hall. Neben dem Unterricht betätigte er sich als Schülerzeitungs-Redakteur. Seine Beiträge und Zeichnungen erschienen sogar in der bekannten Comiczeitschrift „Yps“. Eine Zeitlang war er in seiner Freizeit auch als Film-Vorführer in den „Kapellenplatz-Lichtspielen“ aktiv. Nach dem Abitur, das er mit einem bravourösen Notendurchschnitt von 1,2 abschloss, war er zunächst ratlos, weil ihn zu viele Dinge interessierten.

Nur Fußnote der Forschung?

Dann studierte er Biologie an der Uni Erlangen-Nürnberg. Doch eines Tages im Labor, als er Bakterien mit einem radioaktiven Mittel markierte, fragte er sich, ob er das ein Leben lang tun wolle: an einer Fußnote der Forschung mitarbeiten. Das war 1995, die Zeit der ersten Webbrowser. Daniel Pfänder verließ das Labor und stieg ins Netz ein: Es schien ihm das Tor zur Welt. Er „bastelte“ Websites, begann eine Lehre als Mediengestalter, studierte „Multimedia und Kommunikation“ mit Abschluss als Diplom-Informationswirt und las regelmäßig die Jobseite von Google.

Eines Abends stieß er auf das Inserat: Webmaster gesucht. Der Rothenburger sah die Chance und bestieg vor der ersten Bewerbungsrunde in Zürich das erste Flugzeug seines Lebens. Er hatte Flugangst. Nach der Landung wirkte er äußerlich souverän: Das Schlimmste lag hinter ihm. Nach fünf Monaten Testreihen (eine davon war das Warten) bekam er den begehrten Job. Damals arbeiteten bei Google in Zürich noch 150 Leute. Zehn Jahre später waren es bereits 3000.

Daniel Pfänder fragte sich nach all seinen Erfahrungen im Lauf der Zeit, ob er nicht schon wieder eine Fußnote war, obwohl er vielleicht die meist gesehenen Fußnoten des Planeten pro­grammiert hatte – die auf den Videos von Youtube. Er fragte sich weiter, ob er nicht in einer Blase lebte. Daniel Pfänder kehrte dem Suchmaschinenspe­zia­list, der schon mehrmals zum besten Arbeitgeber der Welt gekürt worden war,  den Rücken. Er wechselte zum großen Hoffnungsträger für Schweizer Medienqualität, wo er als IT-Spezialist gebraucht wird. Kaum ein Geschäftsprozess funktioniert heute noch ohne unterstützende technische IT-Infrastruktur.

In Rekordzeit Geld beschafft

Bis die Idee der neuen Publikation in die Tat umgesetzt werden konnte, dauerte es seine Zeit. Einige der bekanntesten Journalisten des Landes und preisgekrönte Reporter schreiben für die „Republik“, wie sie ehrfürchtig genannt wird. Zum allgemeinen Erstaunen stand die Finanzierung früher als gedacht. In Rekordzeit beschafften sich die Magazin-Macher unter Nutzung des Internets per „Crowdfunding“ das notwendige Geld von gut drei Millionen Euro als Anschubfinanzierung und zur vorläufigen Absicherung.

Fans, potenzielle Kunden und In­teressenten ließen sich vom Projekt begeistern. Unter den Investoren sind die Gebrüder Meili aus Zürich. Mit dem Nachlass ihres Vaters unterstützen die schwerreichen Erben seit Jahren zahlreiche Projekte. Die Schriftstellerin Sibylle Berg und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff zeigten durch ihre persönliche Anwesenheit zum Start des digitalen Magazins ihr In­teresse am Medienprojekt.

Die große Frage wird sein, ob mittel- und langfristig die nötigen 22.000 bis 25.000 Abonnenten bei der Stange bleiben und bereit sind, etwa 200 Euro im Jahr für ein Online-Magazin zu bezahlen, das werbefrei agieren will. Die Abonnenten sind gleichzeitig auch Mitglieder der Genossenschaft. Wenn das Konzept nicht aufgeht, werden die ausgeteilten Baumwolltaschen mit dem großen R-Aufdruck und der Aufschrift „Ohne Journalismus keine Demokratie“ eine der wenigen greifbaren Erinnerungen an die „Republik“ sein. Die Artikel kann man gratis lesen, wenn sie auf den sozialen Netzwerken weitergereicht werden. Weshalb man dann überhaupt ein Abonnement abschließen soll? Nur wer den Mitgliedsbeitrag bezahlt, gehört zur Internet-Gemeinschaft, kann sich an Debatten beteiligen und Themen mitentwickeln. Damit wagt das Unternehmen eine riskante Variante: Lässt sich mit Mitmach-Journalismus auf die Dauer Geld verdienen?

Die „Republik“ arbeitet seit Anfang des Jahres in Hotelzimmern, die jetzt nach und nach in Büros umgestaltet werden, schildert Daniel Pfänder die räumliche Situation. In der ehemaligen Hotellobby entsteht eine Bar, an der sich Journalisten und Leser begegnen – in einem alten Hotelgebäude, ein ehemaliges Stundenhotel, mitten im einstigen Rotlichtbezirk von Zürich.

Medienwelt ist im Umbruch

Medien und Journalismus befinden sich im Umbruch, so eine zentrale These. Politiker wie US-Präsident Donald Trump tun Beiträge, die ihnen nicht in den Kram passen, als „Fake News“ ab, setzen dem ihre eigene „Parallel-Rea­lität“ in Form eines Twitter-Tweeds entgegen. Besorgnis­erregend ist auch, dass in mittlerweile fünf europäischen Ländern, darunter Österreich, rechtsextreme und populistische Parteien dominieren. Junge Menschen interessieren sich weniger für „Mainstream-Politik“, sondern wenden sich vermehrt Populisten zu.

Die „Republik“-Macher – und dazu gehört auch Daniel Pfänder – wollen den Beweis antreten, dass in der Komplexität der schnelllebigen Informationswelt, in der Kommunikation zu einem immer wichtigeren Thema wird, hochwertiger Journalismus eine wichtige Rolle spielt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel