Theater „Wilhelm Tell“: Gelungene Freilichtspiel-Premiere

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 11.06.2018
Intendant Doll eröffnet die 93. Spielzeit auf der Treppe mit einer gelungenen Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“.

Da stehen sie also da, die Eidgenossen in ihrem kleinen Alpenidyll unterm blauen aufgemalten Himmel und stoßen mit dem Sektgläschen in der Hand auf ihre frisch errungene Freiheit an. Ein hintersinniges Bild – denn auf der weitläufigen Treppe ist die erhabene Schweizer Bergwelt in einen Käfig gezwängt. Wilhelm Tell, den Stauffacher und Co. hier als Helden feiern, steht abseits auf den Stufen. Der Schrecken über die Schuld, die er mit dem Tyrannenmord auf sich geladen hat, der Zweifel am Menschen überhaupt und eine gewisse Ratlosigkeit stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Es ist ein wirkungsvolles und nachdenklich machendes Schlussbild, mit dem Freilichtspiele-Intendant Christian Doll die Zuschauer nach knapp zwei Stunden in die Nacht entlässt. Die erkämpfte Freiheit der Schweizer hat ihren Preis, und sie hinterlässt Fragen. Der Schlussapplaus der Premiere am Samstag fällt nicht rauschhaft, aber freundlich aus – was wohl auch an der Beifall-Einschränkung durch den vielfach genutzten Regenschutz liegen mag. Denn der Himmel spielt an diesem Abend in besonderer Weise mit: dräuende Wolkenmassen, Donner und schließlich auch Regen – gerade so, als ob die Freilichtspiele Hall die Wetter-Stimmungen zum Stück bestellt hätten.

Widersprüchliche Gefühle

Schiller hat auf der Haller Treppe Tradition. Mit „Wilhelm Tell“ fiel Christian Dolls Wahl auf das letzte Stück, das der Dichter 1803 verfasst hat, und in dem sich Schiller mit seinem Lieblingsthema Freiheit auseinandersetzt. Ein Stück, das beim Intendanten durchaus widersprüchliche Gefühle auslöst, wie er in einem Interview sagt. Etwa, weil es dabei vor allem um Ab- und Ausgrenzung geht.

Also, wie den „Tell“ inszenieren? Den Helden-Mythos feiern und die vielen, längst zu geflügelten Worten gewordenen Sätze – wie „früh übt sich, was ein Meister werden will“, „die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ oder „der Starke ist am mächtigsten allein“ – munter abfeuern?

Nein, Doll und sein Team kreieren eine Form, in welcher der Klassiker nicht zum Klischee erstarrt. Sie findet eine stimmige Balance zwischen alpiner Knorrigkeit und behutsamer Symboltracht. Dazu gehört auch ein ordentlicher Personalabbau, von den ursprünglich fast 50 Rollen im Stück bleiben rund 20, sowie kluge Striche. Die Schiller-Verse sind auf das Wesentliche eingedampft, und die Frauen bekommen in dem Schweizer Männerclub mehr Bedeutung: Gertrud Stauffacher (Alice Hanimyan) muss ihren Werner (Dirk Schäfer) fast zum Kampf gegen den verhassten Landvogt Geßler tragen. Edelfräulein Bertha von Bruneck (ebenfalls Alice Hanimyan) redet ihrem Verehrer Ulrich von Rudenz (Natanel Lienhard) beherzt ins Gewissen, sich gegen die Habsburger zu wenden, anstatt bei ihnen Karriere zu machen. Und Hedwig Tell (Martina Maria Reichert sprang kurzfristig für die verletzte Silke Buchholz ein) schilt ihren Mann, dass er immer so viel für andere riskiert, anstatt an seine Familie zu denken.

Trotzdem ist „Wilhelm Tell“ ein Männer-Stück, für das sich Regisseur Doll und Ausstatterin Cornelia Brey auch vom Wilden Westen haben inspirieren lassen. Tell – der einsame Wolf im Einklang mit Natur, Berg, Familie, Armbrust und Cowboyhut. Freilich, er ist auch gegen die Herrschaft der Habsburger, aber halt eher als anständiger Lonesome Ranger. Kein Berufsrevoluzzer, sondern ein aus persönlicher Betroffenheit und Opferbereitschaft heraus Handelnder. Einer, der nicht lange fackelt, wenn gleich zu Beginn der Landsmann Baumgarten (Dirk Weiler) vor den Schergen des tyrannischen Landvogts gerettet werden muss. Einer, der es eher mit dem individuellen Widerstand hält. Gunter Heun stattet diesen alpinen Haudegen aus Uri mit viel Körperlichkeit aus, zeigt ihn auch als fürsorglichen Familienvater. Mit den Urgewalten der Natur kommt dieser Tell locker klar. Aber die Unberechenbarkeit der Menschen, der Zynismus des gehässigen Landvogts Geßler, der ihn zum Schuss auf den eigenen Sohn zwingt, das lässt ihn verzweifeln. Schnaufend und schnaubend nimmt er später in der hohlen Gasse persönlich Rache – und stolpert so förmlich in die Heldenrolle, weil Geßlers Tod den Startschuss für den dann erfolgreichen blutigen Aufstand markiert.

Vielschichter Geßler

Überhaupt dieser Geßler: Typ aalglatter Unternehmer mit schwarzrandiger Brille, weißem Hemd und hellgrauem Mantel, der mit süffisantem Lächeln und teuflischer Lust seine Dominanz ausspielt – und halt seinen Job macht. Breitbeinig stolz, aber elegant schreitet er Macht verströmend über die Stufen und beäugt argwöhnisch die herzliche Idylle bei Familie Tell. Thomas Klenk lässt sich die Geßlerschen Grausamkeiten auf der Zunge zergehen und hinterlässt mit diesem vielschichtigen Sadisten, der – einmal in die Enge getrieben – auch erbärmlich wimmern kann, tiefen Eindruck.

Sowieso agiert Christian Dolls Ensemble wieder voller Spiellust. Die selbst bereits betagte Christine Dorner verkörpert auf den steilen Stufen eindrucksvoll den hochbetagten Freiherrn von Attinghausen, der sich tief mit seinem Volk verbundenen fühlt. Zwar erduldet er die Herrschaft der Habsburger, aber kurz vor seinem Tod träumt er von einer ständefreien Gesellschaft. Natanaël Lienhardt gelingt als Neffe Ulrich von Rudenz glaubhaft die Wandlung vom Habsburg-Knecht zum schweizerischen Putschisten. Mario Gremlich – ein echter Schweizer übrigens – ruft in der Rolle des Walter Fürst auf dem Rütli zur Besonnenheit auf. Auch der junge Arnold vom Melchtal, überzeugend verkörpert von Moritz Fleiter, bekommt seine Rachegelüst gegenüber dem Landvogt zugunsten der Allgemeinheit in den Griff. Dirk Schäfer strahlt als Werner Stauffacher, nachdem er von seiner Frau zum Kampf ermutigt wurde, zupackende Tatkraft aus. Carl Ludwig Weinknecht schlüpft unter anderem in die Rollen des zögernden Fischers Ruodi und des Pfarrers Rösselmann. Und Lorena Elser stellt Tells Sohn Walter als einen aufgeweckten Buben dar, für den der Papa schlicht der größte Held überhaupt ist.

Das Ensemble beherrscht Schillers Verse souverän, erfüllt sie mit Leben, bringt sie zum Schwingen. Immer wieder wird der Sprachrhythmus von pulsierenden Jazz-Beats aus dem Lautsprecher untermalt – was an bestimmten Stellen eine spannende Sogwirkung entwickelt, zuweilen aber auch ein wenig überflüssig ist. Dennoch gibt es originelle Regieeinfälle: Ausgeschüttete Apfelkisten, sanfter Zäuerli-Gesang, und die hohe Kalenderspruch-Dichte des Stücks kommentiert der Regisseur mit einem charmant-ironischen Kreuzworträtsel-Spiel der beiden Hutwächter Frießhart (Dirk Weiler) und Leuthold (Martina Maria Reichert).

Direkte Hinweise auf die aktuelle Politik, auf die Habsburger der heutigen Zeit, spart Doll bei seiner ersten Schiller-Inszenierung aus – und die braucht es auch nicht. Die auf der Treppe umsichtig modernisierte Alpin-Welt fördert dennoch die brisanten Aussagen über die Entstehung von Rebellion und Revolution zutage. Und sie wirft Fragen auf – nach dem Recht auf Freiheit, den Mitteln sie zu erlangen und ihren Grenzen.

Info Bis 28. Juli gibt es acht weitere Aufführungen von „Wilhelm Tell“ auf der Großen Treppe. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr.
www.freilichtspiele-hall.de

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