Theater Im fatalen Bann eines Porträts

Die Schauspieler entfalten in der zweieinhalbstündigen Aufführung auf beeindruckende Weise das Leben des Protagonisten Dorian Gray.
Die Schauspieler entfalten in der zweieinhalbstündigen Aufführung auf beeindruckende Weise das Leben des Protagonisten Dorian Gray. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / swp 03.11.2018
Ein Jugendensemble der Haller Waldorfschule führt vor rund 200 Zuschauern „Das Bildnis des Dorian Gray“ auf.

Die Bühne erhellt sich in gedämpfter Röte. Drei intensivrote weibliche Gestalten stehen wie Statuen. Dann beginnen sie sich auf eine ergreifende, getragene Musik zu bewegen. Eine gibt die Bewegung an die andere weiter, dann wird es lauter und sie bewegen sich gemeinsam im Schwung der Musik. Wie drei Nornen, die den Schicksalsfaden spinnen. Es geht um den Lebensfaden des Hauptdarstellers im Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde.

Kurze Dunkelpause: Kulissen schweben schattenhaft herein. Im wieder aufkommenden Licht sitzt Oscar Wilde am Tisch und schreibt seine Gedanken über die Kunst auf, während hinter ihm eine Choreografie eben diese Gedanken darstellt. Im nächsten Moment steht er vor einer Reihe von Richtern, die (gesprochen im Off von Thomas Frister) mit unisono abgehackten Gebärden den Autor wegen eines angeblich perversen Romans verhören. Kunst habe nichts mit moralischen Ansichten zu tun, verteidigt er sich standhaft.

40-köpfiges Ensemble

Die Veranstalter, das Kulturbüro Schwäbisch Hall und die Freie Waldorfschule, haben nicht zu viel versprochen, wie es in einer Mitteilung heißt: Eine packende Inszenierung ergriff die Zuschauer und hielt sie über zweieinhalb Stunden reine Spielzeit gefesselt auf den Sitzen. Unter der Leitung von Thomas Frister entfaltete das 40-köpfige Ensemble auf beeindruckende Weise das Leben des Dorian Gray. Der Protagonist gerät in den fatalen Bann eines Porträts, für das er Modell gestanden hat, und das erst fast unmerklich, dann immer deutlicher einen morbiden Zerfallsprozess offenbart. Gray muss das lebensgroße Porträt verbergen, um seinen wahren inneren Zustand nicht zu verraten. Er kaschiert alles unter einer Maske scheinbar ewiger Jugend, die ihm auf mysteriöse Weise unter dem Einfluss von Sir Henry zuteilwird.

Die wachsende, bisweilen gruselige Dramatik wird immer wieder durch heitere und choreografische Szenen aufgelockert.

Regisseur Thomas Frister kann überhaupt auf ein außerordentlich teamfähiges Ensemble zählen. Besonders lobenswert ist dabei die Verbundenheit der 38 jungen Erwachsenen; sowohl als Akteure wie auch als Kulissenschieber, was man unterhaltsamerweise im Halbdunkel schemenhaft mit verfolgen kann.

Die Truppe zieht alle Register: Mal zeigt eine witzige Musical-Szene die Oberflächlichkeit der Londoner Reichen, mal verstärkt die stumme Ermordung Basils in Zeitlupe, auf eine Fuge von Bach, die Tragik seines Todes. Dann wieder ein skandierter lautstarker Mobbing-Chor oder ein intimes Gespräch zwischen Verliebten.

Sparsames Bühnenbild

Verschiedenste Choreografien zeigen die vorherrschende Stimmung an, zum Beispiel auf den nebligen Londoner Gassen durch vermummte, fledermausartige Gestalten: Tristesse. Die großstädtische Gerüchte-Maschine und Tratschpresse durch mechanisch-bedrohliche Bewegungen, die darunter leidende Psyche (des Dorian Gray) durch sehnsüchtig in die ferne gestreckte Gesten. Das Bühnenbild ist sparsam, vermag aber Räume in Häusern oder auf der Straße anzudeuten, vor allem, da es durch stimmungsvolle farbige Beleuchtung ergänzt wird.

Für die Bühnenfassung des
Romans sowie für Regie, Choreografie und Leitung zeichnete Thomas Frister verantwortlich. Die musikalische Leitung hatte Kyoko Panter, die auch am Piano zu hören war. Susanne Kolb spielte Saxofon. Die rund 200 Zuschauer waren beeindruckt von dem Gesamtkunstwerk, in dem Theater, Tanz, Sprache, Musik, Bühnenbild und Licht zu einer ästhetischen Bühnenwelt ineinander gewoben waren. Die Spielzeit verging wie im Flug; die 40 Darsteller konnten das Publikum durchweg fesseln.

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