Schwäbisch Hall/ Stuttgart Im Auftrag der Landeskirche: Pfarrer Wolfgang Kruse aus Hall bereitet Kirchentag vor

"Ich wünsche mir, dass die Religionen dazu beitragen, dass es mehr Frieden auf der Welt gibt", sagt Pfarrer Wolfgang Kruse im Interview.
"Ich wünsche mir, dass die Religionen dazu beitragen, dass es mehr Frieden auf der Welt gibt", sagt Pfarrer Wolfgang Kruse im Interview. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall/ Stuttgart / MARCUS HAAS 29.05.2015
Zum vierten Mal wird der Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart sein. Die Organisatoren erwarten mehr als 100.000 Dauergäste vom 3. bis zum 7. Juni. Zum Orgateam gehört Pfarrer Wolfgang Kruse aus Hall.

Was sind Ihre Hauptaufgaben beim evangelischen Kirchentag in Stuttgart?

WOLFGANG KRUSE: Ich bin seit 2012 Beauftragter der württembergischen Landeskirche für den 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Ich habe nichts mit Zeltaufbau oder dergleichen zu tun, sondern kümmere mich vor allem um die Organisation von drei regionalen Projekten beziehungsweise Themen sowie den dazugehörigen Veranstaltungen, die von der württembergischen Landeskirche angeboten werden.

Was bedeutet regionale Projekte?

Die Losung lautet "damit wir klug werden". Insgesamt gibt es dazu 50 Themenbereiche beziehungsweise Projekte samt Veranstaltungen. Dabei geht es unter anderem um Gesellschaft und Bildung, um globale Herausforderungen, um Lebensführung und Zusammenleben. Es werden Vorträge gehalten, es wird auf dem Podium diskutiert, aber auch Planspiele und vieles mehr werden angeboten. Hochkarätige Persönlichkeiten wie der aktuelle Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi, Ministerpräsident Winfried Kretschmann oder Bundespräsident Joachim Gauck werden erwartet. Drei Projekte kann die gastgebende Landeskirche einbringen.

Wer fährt aus Schwäbisch Hall, aus Stadt und Landkreis nach Stuttgart?

Eine ganze Reihe von Menschen und Gruppen, Kirchengemeinden und Initiativen aus der Region sind auf dem Kirchentag aktiv. Die Gesamtkirchengemeinde wird beispielsweise zusammen mit der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Hall auf dem Abend der Begegnung am Mittwoch dabei sein. Es wird einen Hohenloher Dorfplatz beim Rotebühlplatz geben.

Wer hat die Themen festgelegt?

Das Präsidium. Es setzt sich aus Theologen, aber vor allem aus vielen Laien zusammen. Für die Landeskirche sind von theologischer Seite Landesbischof Frank Otfried July, der Zuffenhauser Dekan Klaus Käpplinger und ich dabei.

Wie kommt man zu dieser Arbeit als Beauftragter der Landeskirche?

Die Stelle war als Pfarrstelle ausgeschrieben. Neben mir arbeiten noch weitere sechs Personen aus der Landeskirche in der Geschäftsstelle in Stuttgart mit. Insgesamt sind 100 Mitarbeitende involviert. Die Programmplanung betreut das zentrale Kirchentagsbüro in Fulda während die Geschäftsstelle, die für die Organisation verantwortlich ist, in die jeweilige Kirchentagsstadt wandert.

Predigen gehört dann nicht mehr zu Ihrer Arbeit, fehlt Ihnen das?

Leider, das fehlt mir schon. Aber meine Frau fragt mich manchmal, ob ich Gottesdienst halten möchte. Neulich habe ich in St. Michael den Kirchentag thematisiert. Meine Frau wiederum wird selbst beim Kirchentag mitarbeiten.

Welche Erfahrungen haben Sie bereits mit Kirchentagen gesammelt?

Seit 1999 bin ich regelmäßig Bibelarbeiter oder Moderator auf dem Podium. 2013 war ich unter anderem für die Organisation des Stuttgarter Gasthauses beim Kirchentag in Hamburg verantwortlich.

Wann, von wem und warum wurde der evangelische Kirchentag gegründet? Wie oft findet er statt?

1949 von Reinold von Thadden-Trieglaff. Ihm ging es darum, nach dem Versagen der Kirche in der Nazi-Zeit eine breite Laienbewegung zu schaffen, was der Kirchentag bis heute ist. Anfangs fand er jährlich, mittlerweile findet er alle zwei Jahre statt. In geraden Jahren ist Katholikentag und in den ungeraden Jahren evangelischer Kirchentag.

Was sind Meilensteine in der Entwicklung des Kirchentages?

1969 kam es zu großen Verwerfungen, die fast zur Spaltung innerhalb der Landeskirche geführt hätten. Es entstanden zwei Richtungen, eine eher pietistische und eine eher liberale. Beim aktuellen Kirchentag werden diese beiden Linien wieder stärker aufeinander zugeführt.

Was würden Sie einer 16-Jährigen antworten, die fragt, warum sie zum Kirchentag nach Stuttgart soll?

Ich würde ihr das regionale Projekt "Zentrum Jugend" empfehlen. Mit 145 Veranstaltungen ist es das größte der insgesamt 50 Zentren. Jugendliche haben dort auch die Möglichkeit, mit Prominenten ins Gespräch zu kommen. Der Turm der Martinskirche kann beklettert werden. Es gibt ein Improvisationstheater und vieles andere mehr. Zudem wird ein großes Kulturprogramm angeboten. Die Kulturschaffenden der Region Stuttgart haben sich dafür zusammengetan.

Was sind Ihre herausragenden Erinnerungen an vergangene Kirchentage?

Ich bin eigentlich gar nicht so ein Massenmensch. Sehr eindrücklich war 1999 der riesige Salzberg auf dem Schlossplatz in Stuttgart, passend zur Losung "Ihr seid das Salz der Erde" oder 2011 der Abend der Begegnung an der Elbe in Dresden, auch wenn dies bei der Beleuchtung im Sonnenuntergang fast etwas kitschig wirkte.

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie in Stuttgart? Was kostet das Ticket?

Mehr als 100.000 Dauergäste, die an allen fünf Tagen dabei sind. In Hamburg waren es beispielsweise 119.000 Dauergäste. Eine solche Dauerkarte kostet 98 Euro, eine Tageskarte 33 Euro und es gibt Abendkarten.

Was kostet so ein Kirchentag wie in Stuttgart und wer bezahlt das?

Insgesamt 18,5 Millionen Euro. Die Hälfte der Kosten soll durch die Teilnehmenden wieder hereinkommen. Ein Drittel teilen sich das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart und die Landeskirche. Den Rest tragen andere Landeskirchen. Für die Stadt könnte am Ende sogar ein Plus stehen, das war in Hamburg so.

Warum gibt es den evangelischen Kirchentag auch noch in 20 Jahren?

Der Kirchentag ist in etwa so wie eine Tankstelle. Menschen tanken Glauben, um viel Kraft für die "Niederungen des Alltags" zu haben. Die Hälfte der Teilnehmer ist unter 30 Jahre alt. Viele Jugendliche, die sich dann beispielsweise in der Kirchengemeinde engagieren, haben zuvor positive Erfahrungen auf einem Kirchentag gesammelt.

Wie könnte im Jahr 2035 eine Schlagzeile über den Kirchentag lauten?

Ich kann keine Schlagzeile formulieren, das ist ja auch Ihr Job. Aber ich wünsche mir, dass die Religionen dazu beitragen, dass es mehr Frieden auf der Welt gibt. Es wird ja immer wieder das Gegenteil behauptet, Religionen werden auf fundamentalistische Strömungen reduziert. Der evangelische Kirchentag ist auch bereits ein ökumenischer Kirchentag. Es wäre schön, wenn es darüber hinaus mal einen ökumenisch ausgerichteten europäischen Kirchentag gäbe, der nicht nur Protestanten und Katholiken, sondern auch Muslime und Juden zusammenbringen würde.

Zur Person

Wolfgang Kruse wurde am 25. Mai 1956 in Biberach an der Riß geboren. Er wuchs in Ulm auf. Nach dem Abitur studierte er evangelische Theologie in Tübingen, Berlin, Heidelberg und Jerusalem. Das Vikariat absolvierte Kruse in Heilbronn. Er arbeitete unter anderem als Pfarrer in Bad Wimpfen, in Neuhausen auf den Fildern, war als Auslandspfarrer in London und ist seit 2012 Beauftragter der Landeskirche für den Deutschen Evangelischen Kirchentag. Wolfgang Kruse ist mit Dekanin Anne-Kathrin Kruse verheiratet. Die beiden wohnen in Schwäbisch Hall und haben zwei Töchter im Alter von 21 und 24 Jahren.

CUS

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