Wer die Rose in Gaugshausen besucht, kann eine Zeitreise erleben. Eine Reise in eine Zeit, in der sonntags gemischter Braten mit Spätzle und Salat auf den Tisch kam. Die Rose hat einen schönen Platz am Ortsrand. Geranien und Rosen blühen leuchtend auf dem Fenstersims und vor der Fassade, gepflegt von Seniorwirtin Gertrud Müller. Bei deren geistiger Frische und zupackender Tatkraft mag man das Alter – 84 Jahre – gar nicht glauben. Seit 61 Jahren ist sie Chefin im Haus und wird seit dem Tod ihres Mannes Felix von ihrem Sohn Kurt (62) unterstützt. Der arbeitet als Fleischbeschauer, bringt aber sein Können als gelernter Koch mit ein.

Geschirr mit Goldrand

Bei einer guten Tasse Kaffee, serviert im weißen Sonntagsgeschirr mit verblasstem Goldrand, berichtet Gertrud Müller, wie sie zur Wirtin wurde. Noch ist etwas Zeit, der Stammtisch wird erst gegen 10.30 Uhr erwartet. Dachte man, doch wenig später eilt Kurt Müller raus. „Der Willi kommt“, erklärt Gertrud Müller. Als Willi im Türrahmen steht, wird klar, warum Müller gesprungen ist: Willi braucht einen Rollstuhl. Die 84-Jährige geht an den Tresen und zapft ein Bier. Nachfragen, was gewünscht wird, braucht sie nicht. Sie kennt die Wünsche ihrer Gäste.

Bald sitzt gut ein halbes Dutzend Männer plaudernd um den Tisch am Kachelofen. Neben dem Willi („Willi, das reicht.“) auch Frieder („Frieder, das reicht.“), Ilja, Fritz, Manfred, Walter und die anderen, die nur ihre Vornamen preisgeben möchten. Sie kommen aus Gaugshausen, Eckartshausen, Kleinaltdorf und Ilshofen. Denn: „Wo gibt’s noch Wirtschaften, die vormittags aufhaben?“ Bis auf Frieder („Ich habe jetzt gerade Urlaub.“) sind die meisten in Rente. Bauern sitzen ebenso mit am Tisch wie Lehrer. Die Männer kommen „zur Unterhaltung“ und „zur Entspannung“. Die Gesprächsthemen drehen sich um alles – nur nicht um Politik. „Das ist eine ruhige Gesellschaft. Wir politisieren nicht“, sagt Walter. Es gehe darum: „Wer ist gestorben, wie lange hast du beim Doktor warten müssen?“ Der Hägar-­Cartoon aus der Tageszeitung ist genauso Thema wie die Todesanzeigen. „Wenn du zwei Tage nicht kommst, heißt es, du bist gestorben“, merkt Frieder an. Er bekennt – in Scherzen verkleidet –, wie wichtig ihm der Stammtisch ist. Ohne den, so schildert er glaubwürdig, wäre er nicht mehr unter den Lebenden.

Kreis Hall

Nach der OP und Reha infolge Mundhöhlenkrebses konnte er anfangs nicht viel mehr als einen größeren Fingerhut voll trinken. „Ich konnte nicht schlucken. Aber: Ich will mein Bier mit anderen trinken.“ Also übte er. Mit Erfolg – vor ihm steht ein Weizenglas. „Die Ärzte meinten, so einen Fortschritt hätten sie noch nie gesehen.“

„Wir kommen nicht hierher wegen des Trinkens, sondern wegen der Unterhaltung“, stellt ein anderer aus der Runde klar. Der Stammtisch, das wird deutlich, ist das, was für Menschen in der Großstadt die Psychotherapie ist: Er trägt dazu bei, besser mit den Zumutungen des Lebens mutig umgehen zu können. Auch als Integrationshelfer taugt er. Ilja Lukec (68) war 1972 aus Kroatien der Arbeit wegen nach Ilshofen gezogen. Am Stammtisch lernte er Deutsch und Freunde kennen. „In der Früh und am Abend sind wir am Stammtisch gewesen. Das war schön“, bekennt er. „Oder von früh bis spät?“, frotzelt einer am Tisch. „Das nicht“, sagt Ilja Lukec. „Alles wird nicht verraten“, fügt Walter hinzu.

An diesem Donnerstag ist nur einer der Tische besetzt. In der Woche darauf werden es drei sein. Denn dann kommt der Ilshofener Säumarkt-Stammtisch nach Gaugshausen und besetzt zwei Tische. Den Säumarkt in Ilshofen gibt es schon lange nicht mehr, doch der Stammtisch ist geblieben. Weil es eine Zeit lang in Ilshofen keine Gaststätte mehr gab, die auch vormittags aufhat, wanderte der Stammtisch nach Gaugshausen ab. Inzwischen treffen sich die Bauern jede Woche im Wechsel in Ilshofen in der Post und in Gaugshausen in der Rose.

Saigreewa und Schmuser

Der Wandel der Landwirtschaft und die damit verbundene Umkrempelung des gesamten Lebens auf dem Land wird am Stammtisch diskutiert. Manfred (69), pensionierter Lehrer aus Eckartshausen, interessiert sich dafür, wie die Bauern früher schafften. Die Runde kommt ins Erzählen und das Verstehen wird mit jedem Satz schwieriger. Denn bald geht es um „Saigreewa“ und „Schmuser“. Hohenlohische Wörter für den geflochtenen Ferkelkorb und den jüdischen Viehhändler, der auch als Heiratsvermittler tätig war, und später auch für den Vermittler beim Verkauf. Mit dem Wegfall des Schweinemarkts, bei dem die Käufe mit Handschlag und einem Bier besiegelt wurden, verschwinden auch die Wörter.

Genug gelauscht. Wie war es bei Gertrud Müller? Wie ist sie zur Wirtin geworden? Ihre Tante Rosa Herb hatte 1950/51 die Wirtschaft mit ihrem Mann gebaut. Die Gaststätte florierte. Hochzeiten und Konfirmationsfeiern wurden im Haus samt angebautem Saal abgehalten. 1958 übernahmen Gertrud Müller und ihr Mann die Gaststätte. Sie war 23 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder am Rockzipfel. Sie wuchs in die Arbeit hinein und gestaltete die Gaststätte so um, dass sie für ihre Möglichkeiten passte. Den Saal vermietete Müller an eine Spielwarenfabrik. Diese brannte am Rosenmontag 1963 ab. „Der Wasserschlauch der Feuerwehr reichte nur bis zur Türe“, klagt Kurt Müller. Doch im Gasthaus selbst blieben zusätzlich zum Schankraum noch zwei Räume für die Bewirtung.

Mit den Jahren nahm die Kundschaft ab. Dem Altenstammtisch starben erst die Leute weg, dann löste er sich auf. Der Frühschoppenverein, 1965 gegründet, prägte 50 Jahre lang das gesellschaftliche Leben im Dorf.

„Bis die Mutter in Rente geht“

Wie’s mit der Rose weitergeht? „So lange, bis die Mutter in Rente geht“, sagt Kurt Müller schmunzelnd. Für Gertrud Müller ist ein Leben ohne Gäste indes undenkbar. „Wenn man gewöhnt ist, dass immer jemand da ist ...“, sagt sie. Vielleicht mache er auch weiter, meint Kurt Müller, „wenn ich Lust darauf habe“.

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Die Rose: Ein Vesper gibt’s immer


Die Rose wurde 1950/51 gebaut. Heute sind Gertrud und Kurt Müller die Wirte. Geöffnet wird, sobald Gertrud Müller aufgestanden ist, geschlossen wird, wenn der letzte Gast gegangen ist. Mittwochs ist Ruhetag. Speisekarte: Vesper, Wurstsalat. Auf Vorbestellung auch warme Küche. In zwei Räumen ist Platz für 50 und 35 Besucher.