Schwäbisch Hall Ilija Trojanow liest und spricht in der Haller Kunsthalle Würth

Schwäbisch Hall / URSULA RICHTER 08.10.2015
Ilija Trojanow hat "das Buch seines Lebens" geschrieben. Am Dienstag hat er den Band über "Macht und Widerstand" in Bulgarien in der Kunsthalle Würth vorgestellt. Wolfgang Niess vom SWR hat moderiert.

Wolfgang Niess gelingt es sofort, einen interessanten, lebendigen und intelligenten Dialog zu eröffnen. Das hohe Wort wird schnell bestätigt: "Ich habe tatsächlich das halbe Leben lang geschrieben", sagt Trojanow. Wendeerfahrungen, Kommunismus und Postkommunismus treiben ihn um. Trojanow erzählt, dass sein Onkel ihm 1000 Seiten Abhörprotokolle hingelegt habe, die die Gespräche in der elterlichen, offenbar verwanzten Wohnung dokumentieren. Unheimlichkeiten dieser Art häufen sich. "Die Geschichte musste erzählt werden", resümiert der Autor.

Niess kommt zur Konstruktion des Romanes: Der Autor hat nach der unendlichen Recherchearbeit alles beiseitegeschoben und aus der Summe der Erkenntnisse poetisch frei gestaltet. Er wagte es, in einer doppelten Ich-Perspektive zu schreiben. Der Widerständler Konstantin Scheitanow eröffnet den Erinnerungsreigen. Gegenspieler Metodi Popow ist ein ehemaliger Offizier, der ungebrochen, arrogant, etwas vulgär - "für sensible deutsche Ohren abgeschwächt", lächelt Trojanow - aus seiner Sicht berichtet. Er reagiert wie ein "Professionist" auf das Erscheinen einer Frau, die behauptet, seine Tochter zu sein. Ob aus einem Lager, einer Vergewaltigung, weiß man nicht, und so hat er einen Ansatz, sich mit seinen Erinnerungen zu beschäftigen.

Niess findet, es seien "zwei hochinteressante Männer". In einer Art Schreibmaschinen-Faksimile werden Ausschnitte aus Dokumenten eingefügt. Die Illusion von Wahrheit, die man damit verbindet, zerstört der Autor sofort. "Archivmaterial ist auch nur Fiktion", meint er. "Die behördlichen Darstellungen sind voller Verfälschungen."

Die unnachgiebige, harte Suche nach der Realität von Macht und Widerstand kommt erstaunlich leichtfüßig daher. Das Publikum in dem ausverkauften Saal lacht oft amüsiert auf. Es mangelt nicht an grotesken, paradoxen, satirischen Elementen, die Trojanow in der Lesung glänzend entwickelt. Und es gibt sogar eine, wie Trojanow berichtet, "sich bedächtig entwickelnde Liebesgeschichte". Er gönnt den Lesern eine Art privates Happy End: "Am Ende kommen sie dann zusammen. Die Krankenschwester und der alte Revoluzzer."

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