Schwäbisch Hall Ihr Herz schlägt für zwei Städte

In Zamosc geboren, in Hall zuhause: Joanna Walter blättert in ihrem Haller Garten in einer Zamosc-Heft.
In Zamosc geboren, in Hall zuhause: Joanna Walter blättert in ihrem Haller Garten in einer Zamosc-Heft. © Foto: Bettina Lober
Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 26.07.2014
Auf den Auftritt der Folkloregruppe Zamojszczyzna aus Zamosc heute, Samstag, in Hall freut sich Joanna Walter besonders: Ihre beiden Heimatstädte feiern das 25-Jahr-Jubiläum ihrer Partnerschaft.

Lediglich 90 Stimmen hätten ihr gefehlt, sagt Joanna Walter lachend. Dann hätte sie wohl für die Grünen in den Haller Gemeinderat einziehen können und wäre die erste Bürgerin aus Halls polnischer Partnerstadt Zamosc in diesem Gremium gewesen. So knapp es war und so gern die 46-Jährige in Gremien arbeitet - sie ist katholische Kirchengemeinderätin und Mitglied der Schulführungskonferenz der Haller Waldorfschule -, hadert sie nicht mit dem Ergebnis. "Ich liebe Hall", sagt sie und schwärmt davon, wie sie mit ihrem Mann Norbert als jung verheiratetes Paar im Rosenbühl beim Neubau-Saal gewohnt hat. Ein Steinwurf entfernt, bei der katholischen Kirche St. Joseph, hat sie Feuersalamander entdeckt und Hirsche auf dem Friedensberg - "ein Traum". Derlei Natur kannte sie nur aus den Karpaten.

Joanna Walter hat sich schnell in die Siederstadt verliebt - vielleicht so, wie einst in ihren Mann aus Hall. Allerdings hatte jenes Kennenlernen nichts mit der seit 25 Jahren bestehenden Städtepartnerschaft zu tun. Es geschah in Würzburg, wo Norbert Walter Architektur studierte und Joanna Pietrzykowska, die Studentin der polnischen Sprache und Geschichte, eine Freundin besuchte. Auf einem Fest begegneten sich die beiden und verständigten sich zunächst auf Englisch. Dass ihre Heimatstadt Zamosc die Partnerstadt von Hall ist, sei ihrem Mann damals gar nicht bewusst gewesen.

Inzwischen spricht er Polnisch, sie tadellos Deutsch, und die Kinder des Ehepaars, Anna (14) und Anton (11), wachsen zweisprachig auf. Schließlich sollen sie sich mit den Großeltern und der Verwandtschaft in Zamosc verständigen können. Etwa zwei- bis dreimal im Jahr macht sich die Familie auf den 1400 Kilometer langen Weg nach Zamosc - und bereist nebenbei auch Polen. Warschau, Krakau, die Karpaten - die Kinder sollen Land, Leute und das Leben kennen lernen: "Wir fühlen uns nicht halb deutsch, halb polnisch. Wir sind beides ganz", sagt Joanna Walter. Von dieser Vielfalt der Kultur sollen die Kinder profitieren. Große Unterschiede in Sitten oder Mentalitäten hat die Erzieherin kaum festgestellt. "Höchstens", räumt sie lächelnd ein, "mein Mann ist sehr exakt, liebt die Genauigkeit, und bin eher großzügig", sagt sie und macht eine ausholende Geste.

Seit 17 Jahren ist Joanna Walter Hallerin, und sie beobachtet genau, wie sich ihre Heimatstadt Zamosc entwickelt. Einerseits sieht sie die Wirtschaft dort mit Sorge, es gebe viele Leerstände, die Region "rechts der Weichsel" habe es schon immer schwer. Andererseits werde viel für den Tourismus getan, Gebäude saniert und die Umgebung sei eine landschaftliche Idylle. Aus dem Bücherregal im Wohnzimmer zieht sie ein Zamosc-Heft in polnischer Sprache und mit vielen Abbildungen. Es zeigt die vielen Schönheiten der Stadt im Südosten Polens.

Ab und zu fungiert die 46-Jährige für Delegationen aus Zamosc, die Hall besuchen, als Übersetzerin. Als im Juni Fußballerinnen aus Zamosc beim internationalen Mädchenturnier in Hall zu Gast waren, stellte sich heraus, dass deren Trainer der Nachbar von Joanna Walters Schwester in Zamosc ist.

Sie erzählt von ihrem Alltag in Hall und aus ihrer alten Heimat Zamosc, dabei wird schnell klar, Joanna Walters Herz schlägt für beide Städte. "Große Städte mag ich nicht", sagt sie kopfschüttelnd. Einst studierte sie in Lodz, die sozialistische Architektur mit riesigen Einheiten fand sie bedrückend. Sie mag die Kleinstadt, das Ländliche - wie in Hall. In Stuttgart hat sie Sozialpädagogik studiert und arbeitet seit vielen Jahren im Haller Waldorfkindergarten, "Das ist meine berufliche Heimat." Und wenn zum Partnerschaftsjubiläum im Neubau-Saal die Folkloregruppe Zamojszczyzna auftritt, kommen für Joanna Walter ihre zwei Heimatstädte zusammen: "Das wird toll".

Info Das Gesangs- und Tanzensemble Zamojszczyzna tritt heute, Samstag, um 18 Uhr im Haller Neubau-Saal auf. Geboten ist ein Programm aus Volksliedern, Bräuchen und Tänzen in Tracht. Die künstlerische Leitung hat Jolanta Kalinowska-Obst.

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