Schwäbisch Hall Hymnen von der ersten Komponistin

Schwäbisch Hall.  / Monika Everling 05.07.2018
Das Ensemble Voca me erfüllt die Haller Urbanskirche mit alten Gesängen. Etwa 80 Zuhörer lauschen.

Eine Frau im 9. Jahrhundert, die komponierte und Schriften verfasste – und deren Texte und Musikstücke sogar noch bis heute überliefert sind: Kassia war eine Gelehrte, die ein Kloster gegründet hat, um schreiben und komponieren zu können. Sie ist die erste bekannte Komponistin des europäischen Kulturraums.

Hymnen dieser ungewöhnlichen Frau wurden am Samstag im Rahmen des Hohenloher Kultursommers in der Haller Urbanskirche aufgeführt. Das Ensemble Voca me besteht aus fünf Experten für Alte Musik: den vier Sängerinnen Sarah Newman, Gerlinde Sämann (beide Sopran), Sigrid Hausen und Petra Noskaiová (beide Mezzosopran) und dem Ensembleleiter Michael Popp, der die Frauen auf einer ganzen Reihe Saiteninstrumente zurückhaltend begleitet.

Die 15 Hymnen, die das Ensemble ausgewählt hat, sind sich recht ähnlich. Die Melodien haben meist einen geringen Tonumfang und sind im Prinzip schlicht geführt, werden dann aber mit verschiedenen Gesangstechniken wie „Messa di voce“ (an- und abschwellende Töne) oder Wechselnoten (eine Art langsamer Triller) verziert. Dass das Konzert wenig Abwechslung bietet, kann eintönig wirken, es kann aber auch eine Sogwirkung entfalten. Das Ensemble Voca me gestaltet ein stimmungsvolles, sehr konzentriertes Konzert, das Ensembleleiter Michael Popp mit einigen Erläuterungen zu Kassia und zu den Inhalten der Texte auflockert.

Er berichtet, dass die Hymnen sich auf Heiligenlegenden beziehen, die zur Zeit Kassias etwa 600 Jahre alt waren. Kassia hat sich sehr für den Volksglauben eingesetzt. Sie vertrat auch gegen erhebliche Widerstände und trotz Inhaftierung den Standpunkt, das Volk sollte durch Bilder Zugang zum Glauben haben. Der Adel wollte die Bilder als Privileg für sich sichern. Auch mit Musik im Gottesdienst konnte Kassia die einfachen Leute erreichen.

Die Sängerinnen von Voca me haben – wie es die Alte Musik erfordert – schlanke, fein geführte Stimmen. Sie singen zu viert oder in kleineren Besetzungen, manchmal auch ganz alleine, mit und ohne Instrumentalbegleitung, welche aber ohnehin immer sehr leise bleibt. Auch wenn die Intonationssicherheit nicht das Level erreicht, mit dem man beim Hohenloher Kultursommer seit Jahren verwöhnt wird, erleben die etwa 80 Zuhörer – mit ihnen ist die kleine Urbanskirche schon gut gefüllt – ein eindrückliches Konzert.

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