Obersontheim Hochwasser: Es kommt und geht auch wieder

Obersontheim / Elisabeth Schweikert 18.08.2018
Fatalistisch geht die Familie Betz aus Obersontheim mit der Hochwassergefahr um: Man nimmt’s wie’s kommt. Starkregen stellt die Planer vor neue Aufgaben.

Direkt am Fluss bauen – das wäre den Menschen in der Frühzeit nicht eingefallen. Die ersten sesshaften Menschen in unserer Region bauten in der Regel auf Hochebenen. Die Flusstäler waren oft sumpfig, in engen Tälern gab es nur kleinere Landflächen, die bebaut werden konnten. Wann die Menschen in die Täler zogen und wie die frühmittelalterliche Besiedlung vonstatten ging, sei mangels Funden wenig erforscht, berichtet Halls Stadtarchivar Daniel Stihler. „Da bewegt man sich im Bereich der Spekulation.“

Obersontheim  wurde erstmals 1349 als „Obern Suntheim“  = Südheim erwähnt, als südlicher Stützpunkt der Stöckenburg. Der historische Ortskern liegt flussabwärts gesehen links der Bühler auf einer leichten Anhöhe. Der Ort dürfte deutlich älter sein, darauf weist die wohl um 1200 an der Bühler gebaute Herrenmühle hin. Ab 1600 wurde auch rechts der Bühler gebaut. Seit wann sich die Obersontheimer mit Hochwasser der Bühler befassen müssen, ist nicht dokumentiert, es dürfte aber eine lange Beziehung sein.

Dann war schulfrei

Relativ entspannt äußert sich der Obersontheimer Apotheker Kurt Betz über die regelmäßigen Hochwasser der Bühler. Er lebt damit, dass der Fluss regelmäßig über die Ufer tritt und hat sich damit arrangiert. Auch seine Eltern und Großeltern hielten es so. „Man war fatalistisch, hat’s halt über sich ergehen lassen. Und dann, wenn das Wasser weg war, den Besen und den Wasserschlauch rausgeholt und sauber gemacht.“  Das einzig Gute am Hochwasser sei gewesen, dass dann schulfrei war. Bei starkem Hochwasser seien stets Schaulustige gekommen. „Das hat mir gestunken – man selbst schafft den Dreck weg und die anderen schauen zu und kommentieren’s.“

Nicht nur die Familie Betz lebt mit dem Hochwasser der Bühler, im Prinzip geht es allen Anwohnern der Hauptstraße so, betont Betz. Einige seiner  Nachbarn, die teilweise ein tiefer stehendes Haus haben, seien noch schlimmer dran.  Der 62-Jährige  führt hinter sein Haus, dort fließt wenige Meter vom Gebäude entfernt die Bühler. Etwa 1,5 Meter tief sei das Wasser dort, gut sechs Meter breit. Die Ufer sind auf beiden Seiten steil, ragen gut einen Meter über dem Wasserspiegel auf. Im Januar diesen Jahres habe es das jüngste Hochwasser gegeben, berichtet der Apotheker und führt in seine Garage. An der Wand hat er etwa in Kniehöhe mit einem Strich die Wasserhöhe markiert und das Datum dazu geschrieben: „25.1.18“ steht dort. Damals, im Januar, war noch Frost. Als es dann ab dem 15. einige Tage lang regnete, konnte der Boden kein Wasser aufnehmen und die Bühler trat sechs Tage später über die Ufer.

Bei Flut öffnen sich die Tore

Das Haus Betz liegt  im Überflutungsgebiet der Bühler, dort darf nur unter Auflagen gebaut werden.  Kurt Betz’ Garage ist deshalb in Bodenhöhe mit einem Flüssigkeitsfühler ausgestattet. Wenn die Bühler über die Ufer tritt, und das Wasser in die Garage fließt, gehen automatisch die beiden Rolltore hoch. „Das Fließen der Bühler darf nicht unterbrochen werden.“ Und das Auto? Immer wenn es mal stärker regne, habe er die Bühler und den Regenradar im Internet im Blick, berichtet Betz. Wenn sich abzeichne, dass es länger regnet, parke er sein Fahrzeug oben im Ort. Früher, vor dem Umbau seines Hauses, hielt er bei Hochwassergefahr Nachtwache und schaute alle halbe Stunde in den Keller, ob er schon unter Wasser steht. „Da schläft man nicht mehr.“

Das Wasser stand 1,5 Meter hoch

Das schlimmste Hochwasser, das  Kurt Betz erlebte, war das sogenannte Jahrhunderthochwasser im Dezember 1993. Am 20. und 21. Dezember, wenige Tage vor Weihnachten, stand der ganze untere Ort unter Wasser. An der Zufahrt zu seinem Haus zeigt Betz, wie hoch das Wasser reichte: etwa 1,50 Meter hoch. Bei der Bäckerei, die wenige Häuser weiter steht, liegen alle Räume tiefer. „Da standen die Backöfen unter Wasser.“

Ebenso gefährlich wie Hochwasser waren früher im Winter Eisschollen. „Ich erinnere mich noch gut, es war Anfang der 60-er Jahre: Mein Vater und andere Männer standen mit Eisenstangen im Garten und drückten die Eisschollen weg.“

Neue Aufgabe: Untersuchen, wie sich Starkregen auswirkt

Die Bühler entwässert ein Gebiet mit einer Gesamtfläche von  278 Quadratkilometern. Vor zwei Wochen betrug der Wasserabfluss der Bühler  bei Geislingen in den Kocher 0,65 Kubikmeter pro Sekunde. Bei einem Jahrhunderthochwasser können es bis zu 18 Kubikmeter pro Sekunde sein, geht aus Grafiken des Landratsamts vor.

Helmut Schneider vom Bau- und Umweltamt des Landratsamts, befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Hochwasserschutz im Kreis. 1993 wurde vom Amt eine Flussgebietsuntersuchung auf Hochwasser erstellt. Ziel war, zu untersuchen, wo Schwachstellen an den Flüssen sind. Vielerorts wurden daraufhin Dämme gebaut sowie Hochwasserrückhaltebecken. Im Bühlertal gebe es nur ein Hochwasserrückhaltebecken, weil die Ortschaften so nah beieinander liegen, ist kein Raum für solche großflächigen Anlagen.

In Obersontheim und in Vellberg lehnten Gemeinderat und die Bürger ab, Dämme zu bauen. „Alle Betroffenen hatten zugestimmt“, erinnert sich Schneider.  Ob das auf Dauer so bleibe, müsse man sehen, denn: „Das Gefahrenpotenzial ist heute höher als früher.“ So wurden mancherorts Wohnungen in ehemalige Ställe oder Scheunen gebaut. Auch der zunehmende Starkregen müsse beobachtet werden.

In einem Pilotprojekt wird aktuell für Braunsbach untersucht, wie sich Starkregen auswirkt. Weitere Gemeinden haben angefragt, berichtet Schneider, auch sie wollen eine solche Situation für ihre Gemeinde untersucht haben. „Das wird die nächsten Jahre ein Thema sein“, sagt Schneider, „ich hoff’’s jedenfalls“.

Der nächste Teil der Serie befasst sich mit der Herrenmühle in Obersontheim.

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