Theater Herausfordernde "Wohnzimmer-Vorstellung" von "Drei Mal Leben" in Hall

Schwäbisch Hall / ANDREAS DEHNE 07.10.2015
Der Theatersaal im Haller Alten Schlachthaus ist ungewöhnlich bestuhlt. So können die Zuschauer das Stück "Drei Mal Leben" in der herausfordernden Inszenierung des "Theaters im Tempele" nah mitverfolgen.

Vieles an diesem Abend im Haller Theatersaal ist ungewöhnlich. Die Saalöffnung erfolgt erst wenige Minuten vor Beginn der Aufführung, die Eintrittskarte ist ein Keks. Die etwa 65 Zuschauer sitzen auf drei Seiten erhöht um eine weiße Sofalandschaft, die zu Beginn noch mit einer dunklen Plane verhüllt ist.

Zu den Live-Klängen vom Klavier (Hermann Josef Beyer) wird diese Plane langsam entfernt. Die vier Protagonisten des Abends erscheinen darunter. Sie liegen betrunken und schlafend zwischen den Polstern. Das Ende des Abends ist immer gleich, scheint dieser sehr gelungene Einstieg zu vermitteln. Ganz egal in welcher Variation "Drei Mal Leben" von Yasmina Reza, der Erfolgsautorin von "Gott des Gemetzels", gerade gespielt wird.

Denn die Geschichte eines gemeinsamen Abends zweier Ehepaare wird in etwas mehr als 90 Minuten ohne Pause drei Mal nacheinander aufgeführt. In unterschiedlichen Variationen.

Keks im Bett

Die erfolgreiche Geschäftsfrau Sonja, sehr überzeugend gespielt von Sandra Neckermann, und ihr als Astrophysiker nicht so erfolgreicher Mann Henri (Niko Neckermann) verbringen einen Abend zu Hause. Die angespannte Stimmung zwischen den beiden wird durch ein schreiendes (unsichtbares) Kind aus dem Nebenzimmer zusätzlich angeheizt. An der heftig umstrittenen Frage, ob das Kind noch einen Keks im Bett bekommen dürfe, offenbart sich schon die ganze Fragilität ihrer ehelichen Beziehung.

Dann klingelt es überraschend. Der Vorgesetzte von Henri und sehr erfolgreiche Astrophysiker Hubert (Roland Wunderlich) erscheint nebst Gattin Ines (Anne Beyer) einen Tag zu früh zur Essenseinladung. Man hat nichts vorrätig außer den Keksen des Kindes, Appetithäppchen und reichlich Alkohol. "Ich liebe Appetithäppchen", sagt Hubert mit zu viel Alkohol und einem zu tiefen Blick in die Augen der Gastgeberin. Den Zustand seiner eigenen Ehe lässt nicht nur der Ausspruch erahnen: "Es müsste Frauen geben, die man von Zeit zu Zeit abschalten kann." Über ihren Gatten weiß Ines indes zu berichten: "Mein Mann kann sich nur auf meine Kosten amüsieren", während Sonja es widerlich findet, wie ihr Mann vor Hubert kriecht.

Mit zunehmendem Alkoholkonsum, einem inflationär auftretendem "mein Schatz", "mein Engel" und "mein Liebes" geraten die ehelichen Konstrukte immer mehr ins Wanken. Wechselnde Koalitionen, Anschuldigungen und Demütigungen in allen drei Versionen des Stückes. "Heute Abend läuft etwas aus dem Ruder", stellen sie immer wieder fest.

Stück ist keine leichte Kost

Das Stück ist zeitweise komödienhaft, aber keine leichte Kost. Die Situation wird von allen vier Darstellern erschreckend nahe gespielt. So authentisch, dass die Zuschauer der ersten Reihe, die unmittelbar hinter den Sofas sitzen, sogar versuchen, Ines aufzufangen, als diese betrunken zu stürzen droht.

Das Ensemble des "Freilichttheaters im Tempele" aus Niederstetten, das auf Einladung des "Kleinen Theaters Hall" zwei grandiose, aber schwer verdauliche "Wohnzimmer-Vorstellungen" im Saal am Kocher gibt, überzeugt voll und ganz. Die mitunter etwas stockende Suche nach den richtigen Worten, gewollt oder nicht, ist für die Zuschauer oft unangenehm lebensnah.

Info Das "Theater im Tempele" hat in seinem Freilicht-Programm in Niederstetten im Sommer 2016 "Ein Sommernachtstraum" in der Bearbeitung der Haller Freilichtspiele-Macher Christoph Biermeier und Georg Kistner.

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