Vortrag in Hall Helfershelfer des Nazi-Regimes aus Hohenlohe

Ilshofen/Schwäbisch Hall / Sigrid Bauer 09.11.2018
Albert Schüle aus Oberrot war Bauernfunktionär, August Häfner mitverantwortlich für Massenmord.

Der Raum im Haus der Bildung in Hall war mit rund 70 Besuchern gut gefüllt. Nicht zuletzt, weil aktuell der Ort­schaftsrat von Obersteinach eine Umbenennung des Albert-Schüle-Wegs in Niedersteinach wegen des nötigen Aufwands einstimmig abgelehnt hat. Obwohl Schüle, das belegte der Historiker und Sozialwissenschaftler Dr. Wolfgang Proske eindrücklich in seinem Vortrag, als stellvertretender Landesbauernführer in Württemberg dafür sorgte, dass sich das Blut-und-Boden-Gedankengut der NSDAP unter den Bauern weit verbreitete.

Karriere in der Partei

Schüle legte innerhalb der Partei eine steile Karriere hin, war Abgeordneter im Landtag Württemberg und von 1933 bis Kriegsende im Reichstag. „Durch seine Ämter war er ein Spitzenverdiener“, stellte Proske fest. In der SS stieg er bis zum Sturmbannführer auf.

Das entspricht etwa dem Rang eines Majors. Als Mitglied von  Wehrsportgruppen, die der Versailler Vertrag verboten hatte, unterstützte er die militärische Ausbildung der Jungbauern. Nach seinem Selbstmord 1947 wurde er von Nazivorwürfen freigesprochen. „Für die NSDAP war Schüle der ideale Mittelsmann der Partei zu den Bauern. Leute wie er haben das Funktionieren des NS-Regimes ermöglicht“, führt Proske aus. Dass heute noch eine Straße nach ihm benannt ist, sei unbegreiflich. „Ist es wirklich so ein Aufwand, das zu ändern?“ fragte er das Publikum, darunter einige Bürger aus Niedersteinach.

Die rege Diskussion begann aber erst nach dem Vortrag des Hohenloher-Tagblatt-Redakteurs Harald Zigan über den Haller August Häfner, der als Mitglied eines Sonderkommandos an der Erschießung von 34.000 Juden in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew, und sogar an der Erschießung von 90 Kindern beteiligt war. Nach dem Krieg übernahm er in Hall unbehelligt die Weinhandlung seines Vaters. Erst 1968 kam er vor das Darmstädter Schwurgericht.

Er wurde 1973 wegen Beihilfe zu Mord letztlich zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. „Er war aber unter Anrechnung der U-Haft nur drei Jahre im Gefängnis“, sagte Zigan.  

„Lächerliches“ Argument

Zigan ist empört über die nach Schüle benannte Straße und die Abstimmung im Ortschaftsrat.  „Zu großer Aufwand, bei gerade mal zehn Haushalten –  ein lächerliches Argument“, sagte er. Und: „Die Namensänderung sollte einem etwas wert sein.“ Heute wisse man schließlich, wer der Mann war, meinte Zigan. Hintergrund ist, dass die Straße erst 1997 offiziell den Namen Schüles bekam, nachdem sie schon etwa 1935/36 nach ihm benannt worden war, später dann teilweise zum Hofweg wurde, aber in der Bevölkerung weiterhin Albert-Schüle-Weg hieß, wie ein Herr aus dem Publikum erklärte. Schüle hatte in der 30er-Jahren in Niedersteinach einen Hof gekauft. Zigan fragte sich, wie die Niedersteinacher darauf kamen, den Weg 1997 wieder nach Schüle zu benennen. Mit der Person und Vergangenheit Schüles beschäftigt habe sich der Rat damals anscheinend nicht.

Nicht alle Zuhörer verstanden die Aufregung über den Straßennamen. Ein Anwohner wehrte sich wortreich gegen die Kosten, die er bei einer Adressenänderung zu tragen hätte. Man könne doch Albert Schüle nicht mit einem Mann wie August Häfner vergleichen, lautete ein anderer Einwand. Dem widersprach Proske. Er erinnerte an den Rang des Sturmbannführers, den Schüle innehatte. „Er ist ein anderer Tätertypus, aber er war ein Helfershelfer der Nazis und hat andere ins Verderben geführt“, stellte er fest. Zigan betonte, ein Straßennamen sei eine Ehre. „Da schaut man heute noch zu ihm und seinem Namen auf“ verdeutlichte er. Zuhörerin Dagmar Seybold betonte, ein Straßenname betreffe nicht nur die Anwohner. Sie verwies auf die Straßennamenänderungen in Berlin. „Eine demokratische Gesellschaft muss sich mit einem Straßennamen identifizieren können“, stellte sie klar und bekam dafür Applaus.

Um die Anwohner nicht mit Kosten zu belasten, solle die Stadt diese übernehmen, schlug Zigan vor. Udo Grausam, Kulturwissenschaftler und Publizist in Sachen Nazitäter und -opfer in der Region Hohenlohe, wies darauf hin, dass die Gemeindesatzung von Ilshofen erlaube, aus Freigiebigkeitsmitteln den Anwohnern einen Zuschuss zu gewähren. „Das wäre ein grunddemokratischer Prozess“, sagte er.

Info Dr. Wolfgang Proske ist Herausgeber der zehnbändigen Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbettfahrer“ mit den Biografien NS-Belasteter aus Baden-Württemberg. Band 8 behandelt den Norden des heutigen Baden-Württemberg. Harald Zigan schrieb in Band 3 über Häfner, Udo Grausam gehört zu den Autoren von Band 8.

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