Bühlertann Heiß, heißer, Australien: Was tun nach dem Abi?

Bühlertann / Michaela Christ 12.09.2018
Patrick Hedinger und Jonas Trübendörfer aus Bühlertann haben nach dem Abitur den Rucksack gepackt und sind für sieben Monate nach Australien geflogen.

Papa, ich brauche keinen Luxus, um glücklich zu sein!“ Diesen Satz verschickte Patrick Hedinger (19), kurz Paddy genannt, im Video-Tagebuch am 20. November aus dem australischen Minnie Water. Die Nachricht würde erst am nächsten Tag rausgehen.

Aber das war dem Abiturienten in diesem Augenblick egal. Er lag im Yuraygir National Park am Strand, ohne Handyempfang, ohne Zivilisationskrach und spulte in Gedanken zurück in den Nachmittag, als er mit Jonas im Jeep den Strand hoch und runter heizte, die Reifen durchdrehen ließ und Donuts im Sand drehte. Alles vollkommen legal, denn im Yuraygir-Nationalpark dürfen die Strände mit dem Auto befahren werden und dienen sogar als Verbindungsstraße zwischen den wenigen Orten.

„Danach haben wir gekocht, gegessen und die Seele baumeln lassen“, bestätigt Jonas Trübendörfer (19) die Besonderheit des Augenblicks. Bis zu ihrer Rückkehr fünf Monate später sollten die beiden Bühlertanner noch viele solcher Augenblicke erleben. Doch dieser Tag bleibt bis zum Schluss in den Top Ten der Reisehöhepunkte.

Patrick und Jonas kennen sich von Kindesbeinen an. Sie sind Nachbarn, gingen beide nach der Grundschule aufs Gymnasium Sankt Michael in Schwäbisch Hall, jobbten nach dem Abitur bei der Post und machten sich im Oktober 2017 zu zweit auf die Work-and-Travel-Reise nach Down Under. Laut Statistik mit 35 000 weiteren Deutschen, denn Australien ist für Abiturienten derzeit das Mekka. „Sich gut zu kennen, ist von Vorteil, wenn man so lang so eng zusammenlebt“, verrät Jonas. Und meint das Dachzelt auf ihrem 235 PS starken Jeep Cherokee.

„Das Auto war unsere erste gemeinsame Anschaffung, gebraucht, von einem anderen Backpacker, für 7000 australische Dollar (4500 Euro)“, liefert Paddy die Fakten. Mit dieser Investition war vorab Teil zwei der Tour gesichert – das Reisen.

Erst „Work“, dann „Travel“

Doch vor „Travel“ kommt bekanntlich „Work“ – das Arbeiten. Arbeit zu finden, ist angesichts der vielen Arbeitsuchenden nicht einfach in Australien. Die meisten arbeiten als Kellner oder Erntehelfer. So auch Paddy und Jonas. Über Facebook finden sie in Stanthorpe auf der Ashborn Farm für eine Woche Arbeit: Patrick im Weinberg, Jonas auf dem Tomatenfeld. Danach vermittelt sie Benno Gmeiner – ein nach Australien ausgewanderter Bühlerzeller – als Möbelpacker auf eine Großbaustelle. Die Arbeit ist hart, sichert aber acht Wochen lang Lohn, den sie für ihr anschließendes Abenteuer brauchen. Die Wochenenden verbringen sie mit Freunden in Byron Bay am Meer: Jonas, der künftige Sportstudent, auf dem Wasser beim Wellenreiten. Paddy, Kameramann und Regisseur des „Youtube-Channels „Tanner on Tour“ und künftiger Student der Mediendesign-Wissenschaft, mit der Kamera am Strand.

War Heimweh ein Thema? Nein, sind sie sich auf Anhieb einig. Räumen aber ein, dass Weihnachten ohne Familie gewöhnungsbedürftig war. „Bei 30 Grad im Schatten ließ die Weihnachtsstimmung jedoch zu wünschen übrig“, weiß Paddy. Und Jonas verrät: „Außerdem haben wir beschlossen, uns mit einem sauleckeren schwäbischen Essen zu beschenken: selbst geschabte Spätzle mit Schweinelende und Rahmsoße.“ Von zu Hause kam Geld, das Paddy in eine Drohne und Jonas in einen Neoprenanzug umsetzte.

Ende Januar war das Arbeiten beendet und der erste von zwei Höhepunkten der Tour begann – die Reise mit dem Auto durch den australischen Kontinent. 16 500 Kilometer in zehn Wochen. Sie besuchen Australiens Hauptstadt Canberra und besichtigen das Parlament. Besteigen Australiens höchsten Berg Mount Kosciuszko: 2228 Meter in kurzen Hosen durch den Schnee bei null Grad Celsius. Sie fahren nach Mel­bourne und Adelaide mit der vorgelagerten Insel „Kangaroo Island“ – ein Naturparadies der mitunter hochgiftigen Tierwelt Australiens. Dann hieß es: heiß, heißer, Outback. In Coober Pedy leben die Einwohner bei angenehmen 20 Grad unter der Erde in alten Opalminen – Jonas und Paddy bei rund 50 Grad Celsius auf dem Campingplatz. Sie fahren den Ayers Rock an, können ihn wegen zu viel Wind aber nicht besteigen. Und stecken neun Tage fast ohne Lebensmittel in Mount Isa fest, weil ein Zyklon die Straße zur Küste überflutet hat.

Mit leerem Portemonnaie zurück

In Cairns beginnt Teil zwei des Reiseabenteuers, der Teil, der richtig Geld kostet. Mit Freunden schnorcheln sie am Great Barrier Reef. Segeln um die Whitsunday Islands und machen eine Adventure Tour auf Fraser Island. Außerdem wagen sie etwas, von dem sie zuvor dachten, es niemals tun zu können und jetzt jederzeit wiederholen würden: Sie springen aus einem Flugzeug! „Sky Diving über Airlie Beach mit der Hand am Herz über dem VfB-­Stuttgart-Wappen meines Trikots ist mit nichts zu übertreffen“, schwärmt Paddy.

Danach ist der Geldbeutel leer und die Freunde fliegen Mitte April zurück nach Deutschland. „Ich bin selbstständiger geworden“, resümiert Patrick Hedinger nach seiner Rückkehr, „und reiseverrückt“. „Ich habe festgestellt, wie viel ich von meinen Eltern mitbekommen habe. Wenn irgendwas passierte, bin ich immer erst mal cool geblieben und habe dabei Papa in mir erkannt“, sagt Jonas Trübendörfer. Einig sind sie sich beim nächsten Reiseziel: „Wir wollen unbedingt nochmal zurück!“

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