Landkreis Hall Heimische Kicker sprechen über Özil-Rücktritt

Landkreis Hall / Viktor Taschner 26.07.2018
Fußballer aus der Region mit türkischen Wurzeln äußern sich zur Rassismus- und Integrationsdebatte, die der Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft ausgelöst hat.

Die Hütchen stehen akkurat auf dem Platz. Die Spieler des SC Steinbach passen sich die Bälle auf kurze Distanz zu. Das Team bereitet sich auf die neue Saison in der Kreisliga A vor – und dies mit einer bunt gemischten Truppe. Akteure mit türkischen, italienischen oder russischen Wurzeln agieren zusammen mit ihren deutschen Mitspielern im Team. Ab und zu sind flapsige Sprüche unter den Spielern zu hören, die auf die Herkunft abzielen – aber immer mit einem Augenzwinkern. Vom Rassismus-Vorwurf, den Ex-Nationalspieler Mesut Özil dem DFB, den Sponsoren und den Medien unterstellt, ist an diesem Dienstagabend in Steinbach nichts zu spüren.

„Ganzes Team war schlecht“

„Wir sind wie eine Familie“, betont Talat Vural, Spieler des SC Steinbach. „Ich bin seit 27 Jahren im Verein. Das gute Miteinander war schon immer so“, pflichtet ihm Torwart Michael Schwenger ein. Beide haben natürlich die Diskussion um Mesut Özil in den letzten Tagen verfolgt. „Ich finde es unfair, dass er wegen des Erdogan-Fotos als Sündenbock für die schlechte WM ausgemacht wird. Die ganze Mannschaft war schlecht“, sagt Vural.

Orhan Aygün trägt ebenfalls das Wappen des SC Steinbach auf dem Trainingsanzug. Er ist als A- und B-Jugendtrainer im Verein aktiv. Der gebürtige Haller (Jahrgang 1972) hat vier Kinder, die alle einen deutschen Pass besitzen. Er selbst ist türkischer Staatsbürger. „Bei rund 40 Kindern gab es noch nie Probleme, obwohl wir Spieler mit türkischen, kroatischen, serbischen oder russischen Wurzeln haben.“ Wenn ein neuer Spieler dazukommt, wird er von Aygün darauf hingewiesen, dass Rassismus im Team keinen Platz hat. „Da nehm’ ich ihn zur Seite und zeige ihm die Grenzen auf.“ Die Aussagen von Özil bewertet er positiv. „Wenn jemand eine Meinung hat, dann soll er sie auch äußern.“ Das Foto mit Erdogan sei von den deutschen Medien überbewertet worden. „Mesut Özil kann seine Wurzeln nicht einfach ausblenden. Warum kann er dann nicht einem Staatsoberhaupt Hallo sagen?“ Ein politisches Signal für die Wahlen in der Türkei sei damit nicht verbunden gewesen. Der Abgas-Skandal bei den Dieselautos, bei dem es um Milliarden-Beträge gehe, habe nicht so ein großes Medienecho hervorgerufen, so Aygün.

„Allen zeigen, wie gut er ist“

Ali Gökdemir, Kapitän und seit Kurzem auch Co-Trainer der Sportfreunde Hall, findet, dass Özil weiter im Nationalteam hätte spielen sollen. „Er hätte die Situation wie ein Profi annehmen und auf dem Platz allen zeigen sollen, wie gut er ist.“ Rassismus hat der Ex-Profi nur einmal in Leipzig erlebt, wo er mit Hannover 96 gespielt hat. Hier in Hohenlohe sei dies aber nie vorgekommen. „Ich glaube nicht, dass Özils Fall die Integration stören wird. Er ist einer von 10 000. Da müsste sich schon jeder Zweite beschweren, wenn es ein Problem mit Rassismus im deutschen Fußball gäbe“, sagt Gökdemir, der elf Länderspiele für Aserbaidschan absolviert hat. Viele Vereine in der Gegend engagieren sich bei der Integration, auch bei Flüchtlingen, stellt Gökdemir heraus.

Der Abteilungsleiter des Tura Untermünkheim, Mutlu Metin, sorgt sich um die Zukunft der Menschen mit ausländischen Vorfahren. Rassismus habe er im Hohenloher Fußball nicht erlebt. „Aber es gibt schon Vorurteile. Die wird es leider immer geben.“ Wenn Mesut Özil gut spiele, sei er Deutscher. Wenn er aber schlecht spiele, ist er der Deutschtürke. „Miroslav Klose und Lukas Podolski haben polnische Wurzeln. Wenn Klose das Tor nicht getroffen hat, da habe ich nie gelesen, der ist Deutschpole.“ Das frühe Ausscheiden der deutschen Elf bei der WM habe nichts mit Özils Erdogan-Foto zu tun. „Das ist lächerlich. Er hat sich schon davor drei- oder viermal mit Erdogan fotografieren lassen, das hat niemanden interessiert. Das Foto war innerhalb des Teams mit Sicherheit auch kein Thema. Die Mannschaft war schlecht eingestellt. Da trägt Joachim Löw die Verantwortung.“

„Lokale Sportvereine sind noch mehr in der Pflicht“

Daniel Guechida (37) ist seit März 2017 Sportmittler für den Württembergischen Landessportbund im Haller Landkreis. Außerdem engagiert er sich beim Freundeskreis Asyl. Er spielt Tischtennis bei der Post-SG Hall. Nebenbei trainiert der  gebürtige Haller mit algerischen Wurzeln das Fußballteam „Freunde aus alle Welt“. Es besteht zum Großteil aus Flüchtlingen und trainiert einmal die Woche bei der SSV Hall. „Circa 80 Prozent dieser Flüchtlinge werden später Mitglied in einem lokalen Verein“, so Guechida.

Ein Sportverein sei eine einfache Möglichkeit für Integration. „Sport funktioniert auch ohne Sprache. Man kann leicht Kontakte knüpfen.“ In Hall funktioniere das gut. Viele Vereine veranstalten zum Beispiel Freundschaftsnachmittage. Trotzdem sieht Guechida die Vereine noch mehr in der Pflicht, aktiv Aktionen zu starten und präsent zu sein. „Einfach mal bei der Flüchtlingsunterkunft in Hessental eine Runde Basketball spielen“, nennt er ein Beispiel. Denn manche Flüchtlinge seien nicht so mobil, um zu den Trainingsstätten zu kommen.

Die Debatte um Mesut Özil empfindet Guechida als aufgeblasen. „Er war schon immer der Deutschtürke. Um Gündogan gab es nicht so einen Trubel.“ Özil habe nicht falsch reagiert. „Er wäre eh kritisiert worden, egal, was er sagt oder macht.“ Guechida geht davon aus, dass die türkischstämmigen Spieler in Zukunft unter Beobachtung stehen. „Es ist aber völlig übertrieben, dass sich jeder türkische Spieler nun offiziell von Erdogan distanzieren muss. Sport muss unpolitisch sein und darf keinen Rassismus zulassen.“ ena

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