Schwäbisch Hall Handerlesenes aus Schatztruhen

Anne Brüssel (links), Initiatorin des Projekts "Die Reederei Neun", berät an ihrem Stand Laura Moser aus Schwäbisch Hall. Im Hintergrund sieht sich Jürgen Müller um.
Anne Brüssel (links), Initiatorin des Projekts "Die Reederei Neun", berät an ihrem Stand Laura Moser aus Schwäbisch Hall. Im Hintergrund sieht sich Jürgen Müller um. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / VERENA BUFLER 29.11.2014
Willkommen an Bord heißt es in der "Reederei Neun": 19 Künstler aus Hall und ganz Deutschland bieten in der Innenstadt Handgemachtes an. Ein Projekt wider tosendem Kaufrauschen und Warenflut.

Selbstgenähte Kissen, Stiftemäppchen aus Leder, Fair-Trade-T-Shirts mit Aufdruck, Pantoffeln und Vasen aus Filz, Schmuckkästchen aus alten Schubladen, Sparbüchsen aus Karton, Taschen aus Gummi, mit Graffitilack besprühte Schallplatten, Skateboards und mehr: Was die 19 Künstler und Kunsthandwerker in der "Reederei Neun" ausstellen und zum Kauf anbieten, ist mit Liebe zu Handwerk und Kreativität gefertigt. Die Hälfte von ihnen lebt in Hall, die andere Hälfte verstreut in ganz Deutschland. Anne Brüssel (34) aus Hall brachte sie zusammen. Sie ist die Initiatorin des Projekts und trieb das Ganze organisatorisch und mit Ideen voran.

Theaterpädagoge Andreas Entner gehört am Donnerstag kurz nach 14 Uhr zu den ersten Kunden. Seine Finger streichen über handgenähte Etuis aus Stoff. "Die fühlen sich schön an", sagt er. "Die Idee, das was da ist sinnvoll zu nutzen anstatt wegzuwerfen, finde ich toll."

Recycling oder Redesign - das Thema interessiert Anne Brüssel schon lange. Seit drei Jahren lebt sie in Hall, arbeitet im Sommer als Bühnen- und Kostümbildnerin für die Freilichtspiele. In ihrer Freizeit ist sie kreativ, fertigt zum Beispiel Bilderrahmen aus alten Uhren und Büchern, näht Taschen aus Handtüchern, strickt Mützen aus Wolle.

Zum ersten Mal verkaufte sie ihre Produkte Mitte Oktober bei "Nachts am Kocher". Nachdem ihr Stand auf dem Künstlerflohmarkt gut besucht war, dachte sie: Es muss doch möglich sein, einen Raum zu finden. Sie sprach mit Christoph Biermeier, dem Intendanten der Haller Freilichtspiele, dessen Schwiegermutter vor einiger Zeit ein Brautmodengeschäft in der Schwatzbühlgasse 4 betrieben hatte. Die Räume standen leer. Zwei Wochen später war das Projekt in trockenen Tüchern. "Wir dürfen die Räume mietfrei nutzen", erzählt sie. "Im Gegenzug bringen wir frischen Wind hinein." Bis Heiligabend hat die "Reederei Neun" geöffnet - dann endet das zeitlich befristete Projekt. Ab Februar sind die Räume neu vermietet.

Was der Initiatorin wichtig ist: Wer einen Stand in der Reederei hat, soll noch nicht mit einem eigenen Laden etabliert sein. Größtenteils ist sie ihrer Regel treu geblieben - bis auf eine Ausnahme. Auch das gehört zum Konzept: Keine zu starren Grenzen ziehen, denn das Ganze soll Spaß machen. Anne Brüssel ist Realistin: Etwa wenn es um das verhasste Plastik geht. Als sie ihre Schmuckkästen mit Acrylfarbe lackierte, war ihr bewusst, dass die Farbe Plastik enthält. "Du kannst dich nicht ganz rausziehen und im Wald leben. Wichtig ist, überhaupt mal anzufangen", sagt die 34-Jährige. Auch im Alltag hält sie es so: Lebensmittel kauft sie auch mal im Supermarkt, aber in der Regel bevorzugt sie den Wochenmarkt.

Tina Ihle, studierte Modedesignerin und Betreiberin der Gaildorfer Carty-Bar, bietet an ihrem Stand zusammen mit Musikpädagogin Gordana Kikic Kleidungsstücke. "Etwa 20 Stunden stecken allein in einem Schal", sagt sie auf die Frage, ob die Kunden Verständnis für die vergleichsweise hohen Preise haben. "Wer das weiß, versteht, dass die Dinge ihren Preis haben müssen."

Info "Die Reederei Neun" in der Schwatzbühlgasse 4 hat bis Mittwoch, 24. Dezember, von Montag bis Samstag, 14 bis 18 Uhr geöffnet (Heiligabend: 9 bis 14 Uhr).

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