Was mag in der Köpfen der etwa 100 Maskenträger vorgehen? Sie stehen bei Hallia Venezia für einige Stunden im Mittelpunkt, sind von Fotografen umlagert. Die schießen unzählige Fotos. Der Aufwand, den die „Models“ dafür treiben, ist enorm. Mühevoll werden die Maske gearbeitet und das Kostüm genäht. Die Stunden, die dafür aufgebracht werden, erfasst keiner. Doch niemand weiß, wer hinter der Maske steckt. Ist es die Kassiererin vom Supermarkt, die Rechtsanwältin, die sonst schwarze Robe trägt, der Grundschullehrer, der Beamte oder jemand, der sonst eher schüchtern ist? Das ist das große Geheimnis des venezianischen Karnevals, der in den vergangenen 22 Jahren in Hall zu einer Großveranstaltung ersten Ranges gewachsen ist.

Schon ab kurz nach 10 Uhr streifen die ersten Fotografen, teilweise mit voller Ausrüstung bewaffnet, durch die Straßen und Gassen. Aus Reutlingen kommen Marita Kuhlmann und Gerhard Busch. Die 66-Jährige war schon fünfmal bei dem Ereignis dabei. Sie begleitet Gerhard Busch bei seiner Hall-Premiere. Beide gehören einem Fotoclub an. „Achtmal war ich beim Karneval in Venedig“, sagt Busch und zeigt ein paar Bilder, die er auf dem Handy gespeichert hat. 100 bis 150 Fotos, mehr sollen es nicht werden, sagt der Mann, dessen Arbeit  vielfach ausgezeichnet worden ist. „99 Prozent ist Überlegung. Hintergrund, Stimmung, Licht, Atmosphäre, alles muss passen. Ein Prozent ist das Klicken“, erklärt der Fotograf. „Die Fotos werden den Maskenträgern zugeschickt, das ist Ehrensache.“ Das Defilee auf der Großen Treppe ist für ihn kein Motiv.

Aber der Besuchermagnet schlechthin. Zwischen 4000 und 5000 Besucher stehen dicht an dicht auf und um den Marktplatz. Am Rande suchen Nadine Hinderer und ihre Kinder Leon (6) und Nele (3), sie trägt ein Diadem im Haar, die Mutter beziehungsweise Großmutter. „Seit drei Jahren gehört meine Mutter mit großer Begeisterung dazu“, sagt die Hessentalerin. Maske und Kostüm sind jedes Jahr anders und Handarbeit, versichert Nadine Hinderer. Doch noch hat das Trio die Stabträgerin auf der Treppe nicht entdeckt. Kein Wunder, bei der Masse an Menschen. Gebannt verfolgen alle das stolze Schreiten auf den Stufen. Dazu liefert Joachim „Odi“ Odenwälder die passende Musik.

Wenig später treten die Maskenträger erneut in Aktion: auf der Treppe am Froschgraben. Jetzt ist der stille Karneval vorbei. Im Bühlertal geht die Narretei bald auf den Straßen weiter.

Die Schattenseite der Masken bei der Nachtwächterführung


Wer es nicht erwarten konnte, der hatte schon am Samstagabend die Möglichkeit, mit maskierten Menschen zu posieren und Fotos zu schießen.

Für die Besucher der Nachtwächterführung tauchen die Verkleideten am Marktplatz auf und schreiten still umher. „Die sehen super aus!“, sagt Andreas Moslavac. Er ist zum ersten Mal bei der Führung dabei. Die Akteure posieren im Licht der Kirche und des Rathauses. Das lockt einige Fotografen an, die versuchen, das schwache Licht mit ihrer Kamera einzufangen. Nur einmal im Jahr wird diese besondere Führung in der Nacht vor Hallia Venezia angeboten. Allerdings kommt es immer auf das Wetter an. „Sonntag sind wir bei Wind und Regen draußen. Samstag gehen wir nur auf die Straße, wenn das Wetter wirklich passt“, erzählt Nikola Weller. Sie ist Mitglied im Verein und dieses Jahr eine der Stabträger, die am Sonntag als erstes auf die Straße gehen.

Die Idee, die Besucher der Nachtwächterführung zu überraschen, gibt es noch nicht allzu lang. „Die Anzahl kann man an einer Hand abzählen“, sagt Nikola Weller. Nach dem Zusammentreffen mit der Nachtwächtergruppe flanieren die Maskenträger noch eine Weile durch die Stadt. Die Führung geht wie geplant weiter. Nina Woelk