Geschichte Haller wollen lieber Bier statt Wein

Elke Däuber (links) erklärt mit einem Foto die Geschichte des ehemaligen Haller Gasthauses „Zum Pflug“. Es stand am Spitalbach. Heute ist es eine Apotheke. Rechts hört Hans Firnkorn, einer der geschäftsführenden Gesellschafter der Löwenbrauerei Hall, zu. 
Elke Däuber (links) erklärt mit einem Foto die Geschichte des ehemaligen Haller Gasthauses „Zum Pflug“. Es stand am Spitalbach. Heute ist es eine Apotheke. Rechts hört Hans Firnkorn, einer der geschäftsführenden Gesellschafter der Löwenbrauerei Hall, zu.  © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 10.07.2018
Bei einer Führung des Stadtarchivs und Geschichtsvereins erfahren Zuhörer vom wilden Hin und Her der Haller Gastwirte und der Konkurrenz zwischen Gerstensaft und Rebensaft.

Heutzutage ist es selbstverständlich, dass wir in eine Kneipe gehen und dort Bier, Wein, Schnaps und alles, was die Kehle verlangt, bekommen. Das war im 17. Jahrhundert noch nicht so. Jedenfalls nicht in Schwäbisch Hall. Die Geschichte der Brauereien und Gaststätten ist lang und holprig.

Zunächst einmal, erklärt Stadtarchivar Andreas Maisch, gibt es den Wirt als Beruf erst seit dem 15. Jahrhundert. Zuvor hatte jeder ein Gastrecht. Wirt war man sozusagen im Nebenberuf. In Privathäusern schenkte man seinen selbst gemachten Wein aus. 1498 gab es dann in Hall immerhin fünf Wirte.

Schilder zeugen von alter Zeit

Man unterschied damals zwischen Gastwirtschaft und Bäckerei mit Weinausschank. Erste durfte Wein ausschenken, warme Speisen anbieten, Gäste beherbergen und deren Pferde unterstellen. Und sie durfte sich ein Wirtshausschild an die Hauswand hängen. An mehreren Häusern sieht man sie beim Gang durch Hall immer noch in goldener Pracht strahlen. So gehen auch bei dem Rundgang durch Untere und Obere Herrngasse, Marktplatz, Marktstraße, Milchmarkt und Gelbinger Gasse die Blicke der rund 25 Zuhörer immer wieder in die Höhe.

Andreas Maisch nennt einige Zahlen zur Entwicklung: Von 1498 bis 1573 blieb die Anzahl der Wirte mit fünf gleich – mehr als 70 Jahre lang. Gut zehn Jahre später waren es schon 16. 1725 kam dann umgerechnet ein Wirt auf 75 Einwohner. Im Jahr 1797 schätzt man den Bierkonsum pro Kopf auf 129 Liter pro Jahr (heutzutage liegt er bei rund 100 Litern pro Kopf).

Vor dem ehemaligen Grünen Baum stehend, einem wunderschönen Fachwerkhaus in der Gelbinger Gasse, erläutert Andreas Maisch die Problematik des Bierkonsums in der Siederstadt. Der Rat habe damals kein Bier in den Wirtschaften haben wollen. Die Wirte sollten Wein verkaufen. Der brachte der Stadt höhere Einnahmen. Außerdem wollte man die Weinberge, die um die Stadt lagen und während der Pest, die im 17. Jahrhundert die Zahl der Arbeitskräfte drastisch reduzierte und den Weinbau lahmlegte, wieder aktivieren.

Die Haller wollten aber Bier. Kein Wunder, der Wein war an den „von der Sonne verschonten Hängen“ kein Genuss. Das Wetter spielte den Bürgern gut mit. In einigen Jahren waren die Sommer so schlecht, dass der Wein nicht ordentlich reifen konnte. Es führte zur Wende im Jahr 1675. Die Stadt ließ in der herrschaftlichen Biersiederei in der Unterlimpurger Straße, im ehemaligen Salpeterhaus, Bier brauen. Aber der Gerstensaft sei scheußlich gewesen. 1677 wollte niemand mehr dieses Bier trinken. Die Haller verlangten weiter vehement danach, dass kleine Brauer ihr gutes Bier verkaufen durften. 

Eine Geschichte bewegt die Zuhörer, unter denen auch der Schuhmacher und Geschichtsfan Reinold Elbel und der Geschäftsführer der Haller Löwenbrauerei, Hans Firnkorn, sind, besonders: die der „Dreikönigs-Wirtschaft“. Das Gebäude in der Innenstadt, in der heute eine schwedische Mode-Kette untergebracht ist, war bis zum Jahr 1999 noch eine wunderschöne Gaststätte. Fast alle erinnern sich noch an die schöne, dunkle Holz-Einrichtung, den Kaminofen mit handbemalten Kacheln, die besondere Atmosphäre und den Aufruhr, den es gab, als das Haus geschlossen und umgebaut wurde. „Es war die Stammkneipe der Sieder“, erzählt Reinold Elbel und er weiß noch manche Anekdote. „Drei Kerle“, wurde sie genannt. Zum Haus gehört auch das Gebäude nebenan, das heutige Wanner-Modehaus. Es war die Brauerei der Wirtschaft. „Und einen Misthaufen muss es davor gegeben haben. Das geht hervor aus den Archiven, denn die Nachbarinnen hätten sich wörtlich ‚am Misthaufen zum Schwätzen getroffen‘“, ergänzt Elke Däuber, die zusammen mit dem Stadtarchivar diese informative, aber bierfreie Führung gegeben hat.

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