Schwäbisch Hall Haller Schwestern sehen viel Leid

Schwäbisch Hall / HEIKE KRAUSE 18.11.2014
Es wird oft übersehen: In Kriegen wurden auch Frauen einberufen. Auch das Haller Mutterhaus musste im Ersten Weltkrieg dem Militär zahlreiche Diakonissen für die Krankenpflege zur Verfügung stellen.

Die Zahl der im Krieg eingesetzten Haller Diakonissen wuchs von 65 im Herbst 1914 auf 175 im Jahr 1918 an. 93 von ihnen wurden an die Front im Osten oder Westen abkommandiert, wo sie in Kriegs- oder Feldlazaretten Verwundete oder in Seuchenlazaretten Typhus-, Ruhr- oder Cholerakranke pflegten.

"Die Schwestern gehen in den Militärdienst über und haben unbedingt, ohne jede Widerrede, Gehorsam zu leisten, wie er von jedem Soldaten erwartet wird, auch da, wo sie etwa glauben, ungerecht behandelt zu sein. Das Schweigen und seine Pflicht tun gehört zu den Haupttugenden des Soldaten." Diese Worte gab der damalige Leiter des Diakonissenhauses, Pfarrer Gottlob Weißer, seinen Schwestern mit auf den Weg, als sie im Dienste des 13. (württembergischen) Armeekorps nach Frankreich oder mit der Bugarmee nach Ungarn, Galizien, Polen bis nach Russland zogen.

Während der gesamten Kriegszeit hielten das Haller Mutterhaus und die Frontschwestern engen brieflichen Kontakt. Rund 2000 Feldpostbriefe oder Karten von der Front haben sich aus dem Ersten Weltkrieg im Diak-Archiv erhalten.

Und in diesen Briefen wird das ganze Elend und Leid deutlich. Als im Winter 1914/1915 die Karpatenschlacht tobte, schrieb die Diakonisse Marie Stier aus dem Feldlazarett in Also-Verezke: "Heute kamen wieder viele Schwerverwundete, meist Kopfschüsse. Einer wurde operiert und es geht besser, während einer, dem beide Augen ausgeschossen waren, starb. Auch ein Offizier kam, ihm war der Unterkiefer weggeschossen und die Lippen durchspalten, während noch eine Kugel in der Wange saß, die ihm entfernt wurde. Ihm machte man von dickem Draht einen künstlichen Unterkiefer, damit er wenigstens wieder etwas schlucken konnte."

Im September 1917 reiste Pfarrer Gottlob Weißer nach Frankreich und Belgien, anschließend nach Russland, um "seine" Schwestern vor Ort zu besuchen. Und überall, wohin er kam, wurde er nicht nur von den Schwestern, freudig begrüßt. Mancher Stabsarzt sprach ihm seine Anerkennung über die Arbeit der Haller Schwestern aus. ". . . halte ich es für meine Pflicht, Ihnen nicht nur meinen, sondern auch der Kranken Dank auszusprechen für die Aussendung so prächtiger Schwestern. Es war bemerkenswert, mit welcher Liebe und Hingebung die Schwestern ihren, in einem Seuchenlazarett besonders schweren Dienst versahen."

Manch eine Diakonisse führte trotz der knappen Zeit ein Tagebuch, wahrscheinlich auch eine Form, die Schrecken des Krieges zu verarbeiten. Eine von ihnen war die 31-jährige Diakonisse Marie Stier. Der Kriegsausbruch am 1. August 1914 und ihre Einberufung am 25. August ereilte sie in ihrer Untergröninger Gemeinde. Zunächst wurde sie im Reservelazarett II in Ludwigsburg eingesetzt. Im Februar 1915 kam sie für zwei Jahre an die Ostfront in den Karpaten, später in Galizien und Russland und ab Frühjahr 1917 bis Kriegsende im November 1918 nach Frankreich und Belgien. Insgesamt war sie von 1914 bis 1918 in mehr als 30 Lazaretten tätig.

Während dieser Zeit wurde Marie Stier dreimal ausgezeichnet: Im Mai 1916 durch den preußischen König, im Juli 1916 durch den württembergischen König und im August 1917 durch den österreichischen Kaiser.

In ihrem Tagebuch beschreibt Marie Stier die Euphorie und die Siegesgewissheit bei Kriegsausbruch, die Fahrt in die Fremde, als sie zum ersten Mal Württemberg verließ, und schließlich die Ernüchterung, als sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie berichtet von den grausamen Verstümmelungen der Verwundeten und vom täglichen Kampf gegen Ungeziefer und Schmutz.

Sie lernte die einheimische Bevölkerung und die sogenannten Feinde kennen - und den Tod als täglichen Gast. Chaos und Hilflosigkeit herrschten nach Ausrufung des Waffenstillstandes, als sie sich immer noch in Frankreich aufhielt; einer Odyssee glich die Rückkehr ins Mutterhaus. Nach einer 14-tägigen Erholungszeit zu Hause in Gaisbach und im Schwäbisch Haller Mutterhaus kehrte Diakonisse Marie Stier Ende November 1918 in ihre Untergröninger Gemeinde zurück: "Wie war man froh, wieder in seiner Wohnung und der altgewohnten Arbeit sein zu dürfen."

Info Das Kriegstagebuch der Diakonisse Marie Stier wurde 2001 unter dem Titel ". . . ob nicht der langersehnte Frieden kommt" veröffentlicht. Es ist im Diakarchiv und im Stadtarchiv Schwäbisch Hall erhältlich. Die Diak-Archivarin Heike Krause hat zudem mehrere Beiträge für das Buch "Schwäbisch Hall 1914-1918. Eine Stadt und ihre Region im Ersten Weltkrieg" verfasst, das im Stadtarchiv erhältlich ist.

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