Kreativität ist Karsten Oliver Wöllm wichtig – und deshalb hat er einen Beruf aufgegeben, von dem die meisten Menschen annehmen, dass man darin seinen Einfallsreichtum ausleben könne: den des Sängers und Schauspielers. Wöllms Karriere hatte vielversprechend begonnen: Noch während des Studiums erhielt er einen Sonderpreis beim Bundeswettbewerb Gesang sowie ein Engagement der Freilichtspiele Schwäbisch Hall für „Cyrano – Das Musical“.

Nur Belustigung

Es folgten Auftritte bei Musical-Produktionen und in einem Schauspiel-Stück – und die Ernüchterung: „Die Kreativität der Darsteller ist überhaupt nicht gefragt. Früher hat man den Andrey-Lloyd-Webber-Musicals vorgeworfen, sie seien oberflächlich, aber die heutigen Disney-Produktionen sind noch viel inhaltsleerer. Da geht es nur um Belustigung“, klagt Wöllm. „Das hat mich total demotiviert. Das Auftreten war bald nur noch ein Job.“

Dazu kamen die widrigen Lebensumstände eines fahrenden Künstlers: „Um sich für Engagements zu bewerben, muss man an Auditions teilnehmen“, also vorsingen. „Das ist Stress, denn es hängt viel davon ab“, sagt Wöllm. „Zudem kommt man dann für einige Wochen in eine Stadt, in der man eine Unterkunft braucht. Weil gleichzeitig die Wohnung in München bezahlt werden musste, durfte das Zimmer nicht viel kosten. Und dann saß ich da in einer billigen Klitsche – ohne Familie, ohne ein Daheim.“

Seinen damaligen Freund, mit dem er inzwischen seit sieben Jahren verheiratet ist, hatte Wöllm in seiner zweiten „Cyrano“-Spielzeit in Hall, also im Sommer 2000, kennengelernt. „In seiner WG wohnten ein paar meiner Schauspiel-Kollegen.“ Die Beziehung hat sich gefestigt, obwohl die gemeinsame Zeit rar war: Wöllm musste auftreten, sein Freund war in Hall berufstätig und hatte als Hobby-Tänzer jedes zweite Wochenende Turniere.

Im Jahr 2004 beschloss Wöllm, zu ihm nach Hall zu ziehen. „Eigentlich war bei den Musicals nur eine Pause geplant, aber ich bin dann nicht wieder zurück auf die Bühne gegangen.“ Stattdessen nahm er einen Teilzeitjob bei der Bausparkasse an. Er verrichtete Tätigkeiten, die man ohne kaufmännische Ausbildung machen kann. Nebenbei war Zeit zum Malen: Im Wohnzimmer des schön hergerichteten und liebevoll dekorierten eigenen Hauses in der Haller Kreuzäcker-Siedlung hängen detailgetreue Porträts von Wöllm und seinem Mann.

Bisher drei Romane

Und es entstand der Roman „Hollywood“, für den sich aber bisher noch kein Verlag gefunden hat. Einmal, als Wöllm nach Hause ging, waren rätselhafte Spuren im Schnee: Die Initialzündung für sein Buch „Auch bei Schwulen spukt’s“. Im Titel steckt schon eine Leser-Zielgruppe, und damit war es leichter, einen Verlag zu finden. Der Main-Verlag bietet die Geschichte gedruckt und als E-Book an. Wöllm wird am 21. März auf der Leipziger Buchmesse daraus lesen.

Der Autor schreibt drei bis vier Stunden pro Tag, aber in der restlichen Zeit arbeiten die Stoffe in ihm weiter. Sein nächstes Buch mit dem Arbeitstitel „Rouwen“ hat er dieser Tage an den Verlag übergeben, und jetzt schreibt er an einer Kurzgeschichte für einen Literaturwettbewerb. Zudem hat er Chanson-Abende gestaltet und auf die Bühne gebracht.

Mit seinem Mann teilt er die Liebe zur Swing-Musik der 50er- und 60er-Jahre und zum Film. „Wir haben im Keller ein kleines Kino“, verrät er. Und wenn die beiden in Urlaub fahren, „ist es ziemlicher Stress, die ganzen Museen und Kirchen abzuarbeiten, die wir uns vorgenommen haben“. Außerdem spielt das Paar gerne. „Einmal haben wir ein legendäres Krimi-Dinner veranstaltet. Da werden wir dann wie Kinder, mit Verkleiden und Basteln, und wir haben Blutflecke auf den Boden gemacht“, erinnert er sich fröhlich. Dabei konnte er seine Kreativität voll ausleben.

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Schneider, Musical-Darsteller, Bürogehilfe, Maler und Schriftsteller


Karsten Oliver Wöllm wurde am 6. November 1971 in Essen geboren. Er machte dort Mittlere Reife und eine Ausbildung zum Schneider. Ab 1997 studierte er Gesang, Tanz und Schauspiel an der Theaterakademie August Everding in München. 1999 war er Preisträger beim Bundeswettbewerb Gesang. Im gleichen Jahr sang er in „Cyrano – das Musical“ bei den Freilichtspielen in Hall. 2001 beendete Wöllm sein Studium mit Auszeichnung.

Engagements hatte er unter anderem für die „West Side Story“ in Regensburg, „Orpheus in der Unterwelt“ in München sowie im Steiff- Tier-Musical „Teddy“ in Giengen, Stuttgart, München und Hamburg.

2004 zog Wöllm nach Schwäbisch Hall zu seinem heutigen Mann. Neun Jahre lang übte er in der Bausparkasse Schwäbisch Hall Anlerntätigkeiten aus, nebenher malte und schrieb er. Ab 2014 trat er in Hall mit One-Man-Shows auf. Er unterrichtet Pop-Gesang an der städtischen Musikschule.

Sein erstes Buch „Auch bei Schwulen spukt’s“ erschien im Herbst 2018. Wöllm stellte es auf der „Gay Book Fair“ in Frankfurt und der „Buch Berlin“ vor. Am 21. März folgt eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse. evl