Der Angeklagte in weißem Kurzarmhemd samt Krawatte blickt erst auf den Boden, dann zu seiner Verteidigerin. Soeben hat Wolfgang Amendt, Vorsitzender Richter des Schöffengerichts, das Urteil verkündet: drei Jahre und zwei Monate Haft. Jochen M. schüttelt den Kopf. Für den Richter ist die Sache aber klar. Er spricht vom „Kostendämpfungssystem durch Sargtausch“. Die Masche sei immer dieselbe gewesen: Kunden wurden teure Särge verkauft, die Verstorbenen in billigen kremiert.

Das Modell habe bei Feuerbestattungen funktioniert, weil kein Kunde das Angebot angenommen hatte, im Krematorium dabei zu sein. „Wer will denn zusehen, wie sein Angehöriger ins Feuer geschoben wird“, so Amendt, der die fehlenden Kontrollen im Bestattungswesen kritisiert. Zum Verhängnis wurde M., dass er bei einer Tat 2012 die Raumnutzung am Waldfriedhof nicht korrekt angegeben hatte. Einem Friedhofsangestellten fiel bei der Überprüfung der Sargtausch auf. Die Polizei wurde alarmiert.

Die Ermittler bemerkten bei einer späteren Durchsicht der Auftragszettel und Rechnungen, dass Vollholzsärge für bis zu 2000 Euro berechnet worden waren, zeitgleich aber billige MDF-Modelle im Wert von je 70 Euro gekauft wurden. Das ließ sich auch über Aufschriebe von drei Mitarbeitern rekonstruieren. Einer dieser Angestellten ging sogar soweit, jede einzelne Handlung in seinem Arbeitsbuch zu notieren: vom erlöschen der Kerzen bis hin zu „Umsargung in Verbrenner“. In 18 Fällen, so Amendt, war der Beweis erbracht. Weitere 18 wurden fallengelassen. Dennoch, betont Amendt: „Ermittelt wurde nur ein enger Zeitrahmen von Dezember 2011 bis Januar 2013“. Dabei hatte M. bei seiner ersten Vernehmung bei der Polizei selbst angegeben, dass er mit dieser Masche seit rund drei Jahren günstige Bestattungen anbiete, weil die Preise explodiert seien. Später dementierte seine Freiburger Pflichtverteidigerin Ulrike Wallot die Auslassungen. Der Angeklagte selbst hatte vor Gericht erklärt, dass der Sargtausch mit den Angehörigen vereinbart gewesen war und dass für seine Begriffe MDF und Vollholz gleichzusetzen seien. Das Schöffengericht folgte dem nicht. „Pressspan ist definitiv kein Vollholz“, so Amendt.

Der Richter hält dem Angeklagten zugute, dass es wohl zu keinen weiteren pietätlosen Handlungen kam, wie im anderen Bestatter-Fall. Dennoch sei der immaterielle Schaden für Angehörige immens. Über die „heftige Strafe“ habe das Gericht „hart gerungen“, wie der Richter betont. Das Schöffengericht hatte sich gar zwei Wochen Besatzungszeit genehmigt. Letztlich handle es sich, so Amendt in der zweistündigen Urteilsverkündung weiter, um gewerbsmäßigen Betrug. Die Forderung des Oberstaatsanwalts Peter Bracharz von drei Jahren und acht Monaten sei ebenfalls „im machbaren Bereich“ gewesen.

Auf das von Bracharz geforderte fünfjährige Berufsverbot verzichtet Amendt aber. Der 59-jährige M. sei bislang unbescholten gewesen. Dessen Betrieb habe vor den Betrügereien sauber gearbeitet. Amendt erwartet durch die Strafe zudem „keine Gefahr der Wiederholung“. Ohnehin würde M., der sein Bestattungshaus zum 1. Juni aufgegeben hat, aufgrund des Urteils keine entsprechende Gewerbegenehmigung mehr erhalten, könne lediglich als angestellter Bestatter arbeiten. Letztlich habe sich Jochen M. wegen 15.000 Euro – das ist der errechnete Schaden der 18 Betrugsfälle – sein Leben ruiniert und müsse im hohen Alter die Strafe ausbaden.

Pflichtverteidigerin Wallot, die Freispruch gefordert hatte, kommentiert das Urteil am Mittwoch nicht. Zunächst wolle sie mit ihrem Mandanten beraten und dann entscheiden, ob sie Berufung einlegt. Dann müsste der Prozess vor dem Landgericht neu aufgerollt werden.