Der Traum von einem Freispruch ist für den ehemaligen Haller Bestattungsunternehmer Jochen M. vorerst geplatzt. Auf der Grundlage des Urteils, das Halls Amtsgerichtsdirektor Dr. Wolfgang Amendt im Juli 2015 geschrieben hat, verhängte die fünfte Kleine Strafkammer des Heilbronner Landgerichts erneut gegen ihn eine Gefängnisstrafe. Die Berufungskammer entschied auf zwei Jahre und acht Monate Haft wegen 17-fachen gewerblichen Betrugs.

Damit blieb die Kammer zwar ein halbes Jahr unter der in Hall verhängten Strafe. Anders als in Hall bekam der ehemalige Inhaber der „Christlichen Trauerhilfe“ aber zusätzlich ein fünfjähriges Berufsverbot. Ob dieses Urteil Bestand haben wird, ist gegenwärtig fraglich. Sollte Jochen M. nicht noch einen Rückzieher machen, wird er das Urteil durch das Oberlandesgericht Stuttgart überprüfen lassen. Sein Pflichtverteidiger Björn Bilidt (Radolfzell) hat sofort nach der Urteilsverkündung das Rechtsmittel der Revision eingelegt. Gemeinsam mit dem Wahlverteidiger Gianpiero Fruci (Singen) hatte er einen Freispruch gefordert.

„Verstockt“ nennt der Vorsitzende Richter Frank Haberzettl den 62-jährigen Ex-Bestatter, als er das Urteil begründet: „Die Verteidigungsstrategie ist bemerkenswert schlecht.“ Damit meint der Richter in erster Linie nicht die beiden Verteidiger, sondern den Angeklagten selbst. Mit einem Geständnis hätte M. schon vor dem Haller Amtsgericht die Chance gehabt, eine Haftstrafe auf Bewährung zu bekommen. Haberzettl: „Die Zeugen haben alle die Wahrheit gesagt.“

Beim Trauergespräch habe M. den Angehörigen nicht die MDF-Särge – also Pressspansärge – angeboten, in denen die Verstorbenen später verbrannt wurden. „Er hat das Vertrauen in schamloser Weise missbraucht.“

Staatsanwalt Sven Güttner hatte zuvor in einem Plädoyer die Gründe dargelegt, warum M. wegen gewerbsmäßigen Betrugs überführt sei. Er verwies auf Aufzeichnungen von Mitarbeitern, die Umsargungen dokumentieren. Es gebe Einkäufe von Billigsärgen, die sich nur dadurch erklären ließen, dass sie hinter dem Rücken der Angehörigen für die Verbrennung eingesetzt wurden. Besonders belastend sei ein informelles Geständnis, das der Angeklagte im Zuge der Ermittlungen gegenüber einem Haller Kriminalbeamten abgegeben habe. M. soll den Sargtausch zugegeben und erklärt haben, die Angehörigen „hätten ja nicht gewusst, dass der billige Sarg verbrannt wird“. Das sei  „unterste Schublade“, so der Staatsanwalt. Ein Pressspan-Sarg sei kein Holzsarg, auch wenn M. das behaupte. Vielmehr handle es sich um „verleimte Holzspäne oder Holzabfall“. Güttner forderte drei Jahre und zehn Monate Haft.

Nach diesem Plädoyer war Jochen M. sichtlich erschrocken. „Ich bin sprachlos“, sagte er, „was der Herr Staatsanwalt geäußert hat und welche Motive er mir unterstellt.“ Dass die Beweislage gegen ihn spricht, hatten aber auch seine beiden Verteidiger nicht wegwischen können. Sie argumentierten in erster Linie juristisch.

„Der Verbraucher ist in seinem persönlichen Vermögensstand nicht geschädigt“, meinte Rechtsanwalt Bilidt. Er nannte das Vorgehen seines Mandanten einen „großen Fehler“ und lediglich eine „zivilrechtliche Schlechtleistung“. Wahlverteidiger Fruci brach eine Lanze für die MDF-Särge. Sie seien qualitativ gleichwertig mit einem einfachen Holzsarg: „Ein Sarg wurde geliefert, ein Sarg wurde verbrannt.“

Das Gericht wertete zugunsten des Ex-Bestatters, dass er in keiner Weise vorbestraft ist. Die Berufungskammer errechnete für die Betrugsfälle einen Schaden von 14.300 Euro. Gegenwärtig erscheint aber fraglich, ob man das Geld bei dem Arbeitslosen eintreiben kann. Zunächst bleibt ohnehin abzuwarten, ob Jochen M. mit dem Rechtsmittel der Revision das Heilbronner Urteil erfolgreich anfechten kann.

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