Ein hart umkämpfter Bußgeldbescheid hat monatelang das Schwäbisch Haller Amtsgericht beschäftigt. Einem 66-jährigen Autofahrer aus dem Kreisgebiet wurde vorgeworfen, im November 2017 auf der Landesstraße bei Veinau zu schnell gefahren zu sein: 81 statt 50 Kilometer pro Stunde. Gegen den Bußgeldbescheid in Höhe von 200 Euro, verbunden mit einem Monat Fahrverbot und zwei Punkten in Flensburg, hatte der betroffene Unternehmer förmlich Einspruch eingelegt. Sein Argument: Er sei nicht der Mann, der geblitzt worden sei. Zwar gehöre der ermittelte VW-Touareg zu seinem Unternehmen, aber als „Pool“-Fahrzeug hätten mindestens fünf Personen Zugriff auf den Wagen.

Foto-Ähnlickeit wurde bis in die Nasenlöcher untersucht

Zu einem ersten Verhandlungstermin im September vergangenen Jahres bestellte die Schwäbisch Haller Richterin Nicole Reichstädter nicht nur den streitbaren Unternehmer ein, sondern auch die Sachverständige Dr. Kerstin Kreuz aus dem hessischen Wettenberg. Kerstin Kreuz erstellt anthropologische Gutachten zur Identität von Personen. In der Haller Sitzung fotografierte sie den 66-Jährigen aus einem bestimmten Winkel. Danach verglich sie ihr Bild mit dem Kamerafoto der Polizei, das durch Streiflicht einige Schwächen hatte.

Kerstin Kreuz beurteilte die Augen, die Nase und das Kinn bis hin zur „Einsehbarkeit der Nasenlöcher“ und kam zu dem Ergebnis: Mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit handelte es sich bei dem geblitzten Autofahrer um den vor ihr sitzenden Unternehmens-Chef. Er aber blieb dabei, er sei nicht der Mann am Steuer, und sagte: „Wer gefahren ist, da mache ich keine Angaben, weil ich niemanden belasten will.“ Und er verwies auf seine „große Sippschaft“.

Der Fall blieb dubios. Denn der 66-Jährige wartete mit Entlastungszeugen auf. Drei Personen sagten aus, der Unternehmer habe an jenem Morgen, als der VW-SUV bei Veinau geblitzt wurde, mit ihnen zusammen durchgehend an einem Meeting teilgenommen. Allerdings lag zwischen dem Treffen und ihrer Zeugenaussage vor Gericht fast ein Jahr. Die Erinnerung kann getäuscht haben.

Unternehmer erscheint nicht zum Gerichtstermin

Nach einem zweiten Verhandlungstermin im Oktober, bei dem die Genauigkeit der Geschwindigkeits-Messanlage bei Veinau im Mittelpunkt stand, entschied Richterin Reichstädter, die Beweisaufnahme zu erweitern. Mehrere enge Verwandte des Unternehmers sollten als mögliche Fahrer einbezogen werden. Gutachterin Kreuz sollte auch sie in einer neuen Sitzung betrachten und ihr Aussehen mit dem des geblitzten Fahrers vergleichen.

Alles war vorbereitet. Doch die Vernehmung und geplante Begutachtung möglicher anderer Personen fand nicht mehr statt. Zu dem Verhandlungstermin vor wenigen Tagen erschienen nämlich weder der betroffene Unternehmer noch sein Anwalt. Nach einer vorgeschriebenen Wartezeit verwarf Richterin Reichstädter den Einspruch des 66-Jährigen.

Damit fand das monatelange Ringen um den Bußgeldbescheid ein schnelles Ende. Es bleibt bei einer Geldbuße von 200 Euro, dem einmonatigen Fahrverbot und den beiden Punkten. Nur ist die Sache für den mutmaßlichen Touareg-Fahrer erheblich teurer geworden. Er muss alle Kosten des Gerichtsverfahrens tragen.

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