Die Stuttgarter Straße macht auf Höhe des einstigen Club Alpha 60 einen Schlenker. Der Verkehr auf der Bundesstraße ist im Baustellenbereich auf 30 reduziert – seit rund zwei Jahren. Eigentlich sollte nebenan längst der Weilertunnel gebohrt sein. Aber das 40-Millionen-Euro-Projekt wurde mehrfach ausgebremst. Zuletzt, weil der Untergrund brüchiger ist als gedacht – ausgerechnet dort, wo Bahngleise entlangführen. Die Unterkonstruktion für eine provisorische Bahnbrücke kann aber frühestens 2020 erstellt werden. Die Tunnelarbeiten werden daher frühestens in fünf Jahren abgeschlossen sein.
Daher ist der eigentliche Plan, den Verkehr auf der Bundesstraße schneller abfließen zu lassen, die Weilervorstadt von Ruß und Lärm zu befreien, eine städtebauliche Entwicklungsfläche zu schaffen, in weite Ferne gerückt. Andrea Herrmann, Sprecherin der Grünen, sowie der einstige FDP-Stadtrat Kristian Neidhardt kommentierten 2018, der Weilertunnel sei Halls Stuttgart 21.

Widerspricht der Tunnel einer CO2-Reduzierung?

Das Projekt, das jahrzehntelang auf den Finanzierungsbescheid des Bundes wartete, hat noch weitere Kritiker. Darunter ist der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) für Schwäbisch Hall und Umgebung. In einem offenen Brief (der unter diesem Artikel zum Herunterladen bereit steht) an Verwaltung und Ratsfraktionen heißt es: „Wenn auch die Stadt Schwäbisch Hall bis 2030 die CO2-Emissionen im Verkehrssektor im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent reduzieren wollte, bräuchte es nach Berechnungen beziehungsweise Aussagen des Verkehrsministeriums ein Drittel weniger Autoverkehr, eine Verdoppelung des ÖPNV-Anteils und es müsste jeder zweite Weg unter fünf Kilometer zu Fuß, mit dem Rad oder dem (E)-Roller zurückgelegt werden.“
Mit einem Drittel weniger Verkehr wäre der Tunnel überflüssig, so Vorsitzender Dieter Wolfarth stellvertretend für den ADFC. Aktuell liegt das Aufkommen laut Zählungen im Bereich Scharfes Eck bei rund 30.000 Fahrzeugen täglich. Laut ADFC sei das Geld in alternativen Verkehrsprojekten sinnvoller eingesetzt.
Der Club verweist auf Klimanotstand und Verkehrswende, fordert einen Fokus auf eine menschengerechte statt autogerechte Stadt. Er regt an, den Tunnelbau zu stoppen oder zu überdenken, ob die „jahrzehntealte und veraltete Planung“ heute noch sinnvoll und zielführend ist. Bisher habe der Bau „erhebliche Verschlechterungen“ für den öffentlichen Personennahverkehr, Fußgänger und Radfahrer gebracht. „Ganz abgesehen vom mehrfach verschandelten Stadtbild durch eine Beton-Monsterwand und drei große Kahlschlagsflächen.“
Der ADFC will von der Verwaltung wissen, wie hoch die Baukosten für den Bund durch den Mehraufwand gestiegen sind, welchen Anteil die Stadt für die zwei Ampelkreuzungen investieren muss, und ob durch den städtischen Planungsaufwand andere Projekte zu kurz kamen, oder ob Projekte an fremde Büros abgegeben werden mussten. Weiter regen sie an, die Unterführung am Hotel Hohenlohe mit einer Rampe radtauglich zu gestalten, statt auf eine Ampelkreuzung an der vierspurigen Strecke zu setzen. Denn diese würde die Bundesstraße wieder ausbremsen.

Stadt will auf Brief antworten

Die Grünen-Fraktion im Haller Stadtrat, die das Projekt ohnehin ablehnte, hat nun einen Antrag gestellt, den Tunnel auf die nächste Tagesordnung des Gemeinderats zu setzen. Sie will Informationen über den aktuellen Stand und die Ergebnisse der Probebohrungen. „Da müssen wir nochmal genau draufschauen“, begründet Andrea Herrmann, Sprecherin der mittlerweile größten Fraktion im Haller Rat.
Ludger Graf von Westerholt (CDU) hält sich bedeckt. „Wir müssen noch intern beraten.“ Die Stadtverwaltung indes bereitet nach Angaben von Patrick Domberg, persönlicher Rerefent des OB, eine Antwort auf den offenen Brief vor. An diesem Stand hat sich allerdings seit mehreren Wochen nichts geändert.

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