Schwäbisch Hall / Von Sonja Alexa Schmitz  Uhr
Beim Symposium der Haller Elterngruppe für Früh- und Risikogeborene sprechen zwei Mütter über ihre Erfahrungen.

Es ist 25 Jahre her, dass Gesa Seevers ihren Sohn in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht hat. Aus 800 Gramm Menschlein ist ein stattlicher junger Mann geworden, der jedes Familienmitglied überragt. „Unser Frühchen hat Maschinenbau studiert“, sagt die Mutter. Es scheint alles gut. Und doch, treten Gesa Seevers sofort die Tränen in die Augen, wenn sie über die Zeit damals spricht. Nachdem ihr kleiner Sohn per Kaiserschnitt geholt worden war, begann das große Bangen. „Man lebt nur von Tag zu Tag.“ Es geht ums Überleben. Nichts anderes ist wichtig.

Das bestätigt Katrin Hachtel. Sie hat vor sechs Jahren ihren Leopold in der 29. Woche zur Welt gebracht. Er wog immerhin 1200 Gramm, aber habe alle medizinischen Probleme mitgenommen. Sie habe sich damals verboten, daran zu denken, wie es wohl weitergeht. Nur, dass ihr Kind weiterlebt, darauf hoffte die Familie mit aller Kraft.

Wenn Gesa Seevers erzählt, dass die Schwester ihres Frühgeborenen eine tolle Therapeutin für ihren Sohn war, dann fällt Katrin Hachtel dazu ein, wie schlimm es gewesen ist, dass die Geschwister an der Glasscheibe des Frühchenzimmers stehen bleiben mussten. Die Mutter hört auf zu sprechen, zu nah sind die traurigen Erinnerungen.

„Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei“, springt Christine Michael, Seelsorgerin im Diak, ein. Die Geschwister dürfen heute zu den Neugeborenen. Das sei auch wichtig, damit sie verstehen, warum Mama und Papa gerade so leiden. Die Diakonin bewundert die Kraft der Frauen, die diese Situation durchstehen. Zumal ihnen keine Zeit bleibt im Wochenbett auszuruhen. „Sie müssen gleich auf die Beine und fit sein.“

Das zehnjährige Bestehen der Nachsorge für Frühchen und ihre Familien wurde jetzt gefeiert.

„Nicht in Worte zu fassen“

Manuela Giesel, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Diakoneo, moderiert das Gespräch. Sie fragt die Mütter, wie eine erste Bindung zustande kam. Damit spricht sie ein sensibles Thema an. Schon kämpfen ihre Gesprächspartnerinnen und auch einige Frauen im Publikum mit den Tränen. Nach 24 Stunden durften sie zum ersten Mal die Hand ihres Kindes anfassen und in den Inkubator greifen, erst nach sechs Wochen es zum ersten Mal in den Arm nehmen. „Das ist emotional nicht in Worte zu fassen“, bringt Katrin Hachtel heraus.

Christine Michael erzählt, sie stehe gerne mit den Müttern am Inkubator und betrachte den Säugling. „Was ist dran am Kind?“, fragt sie. „Zuallererst mal ein Leben – ein wunderbares, geschenktes Leben.“ Auch die Pflegerinnen seien sehr wichtig, die den Müttern immer wieder erklären, was das Kind für Fortschritte macht.

Katrin Hachtel erzählt, wie sie eines Morgens in der Klinik wach wurde und neben ihr ein Papier mit Fuß- und Händchenabdrücken lag. „Guten Morgen Mama“, stand darauf. Eine Schwester hat ihr das geschenkt.

Gesa Seevers, die vor 23 Jahren die Elterngruppe gegründet hat, erinnert sich, wie schnell man mit den anderen Frühgeburtsmamas ins Gespräch kam und was für ein bereichernder Austausch das war. „In dieser Situation kann nur mitfühlen, wer das selbst erlebt hat.“ Von Freunden seien täglich Nachfragen gekommen: „Wie geht es euch denn?“ Das sei lieb gewesen, so Katrin Hachtel, aber auch anstrengend. Natürlich weiß niemand, wie man umgehen muss mit solchen Situationen. „Ich habe keine Glückwunschkarte zur Geburt bekommen.“ Und Gesa Seevers sagt: „Die Schwestern haben mir 24 Stunden nach der Geburt zu meinem Kind gratuliert. Zu welchem Kind? Da habe ich ihn noch nicht einmal gesehen.“

Wegen Personalmangels muss die Kinderintensivstation des Uni-Klinikums immer wieder Patientinnen abweisen. Die Qualität der Versorgung sei nicht eingeschränkt, heißt es.

Dringend Vorstand gesucht

Eine ganz wichtige Hilfe sei die Vernetzung. Im Verein der Früh- und Risikogeborenen sind Betroffene, Ärzte und Schwestern. Die Mitgliedszahl liegt über die Jahre konstant bei rund 80 Mitgliedern. Aber derzeit wird dringend eine Nachfolge für den Vorstand gesucht. Zur Veranstaltung, die den ganzen Vormittag in den Räumen der Offenen Hilfen Vorträge zum Thema bereit hielt, wurden 200 Eltern eingeladen. Rund 25 Gäste sind gekommen. „Das ist bitter“, sagt Marianne Karle, die stellvertretende Vorsitzende.

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