Schwäbisch Hall Hänsel und Gretel auf Russisch

TOBIAS WÜRTH 30.12.2013
"Und was passiert mit der Hexe, wenn sie so viel Wasser trinkt?", fragt Museumspädagogin Ines Frontzek. Die Kinder überlegen. "Sie platzt", ruft ein Junge aus. Alle lachen. Die Museumsführung kommt gut an.

Russisch verstehen nur zwei Mädchen aus der elfköpfigen Truppe bei der Führung am Sonntagnachmittag im Hällisch-Fränkischen Museum (HFM). Doch das tut nichts zur Sache. Die Museumspädagogin und Restauratorin Ines Frontzek spricht Deutsch und die Sprache der Märchen beherrscht sie zudem auch. Und die scheint über Kulturen hinweg verständlich zu sein.

Es geht um Baba Jaga - die böse Hexe. Im Erdgeschoss des Museums bestaunen die Kinder Illustrationen eines Märchenbuchs, auf der die Baba Jaga abgebildet ist. Dann geht es hoch in eine Sitzecke. Kissen liegen auf dem Boden. Der Bereich ist mit einer halbtransparenten Stoffwand abgetrennt, in der eine Lichterkette so leuchtet, wie die Milchstraße am Nachthimmel. Doch dafür haben die Kinder keine Augen.

Mit Schattenfiguren können die Kinder Märchen spielen

Sie verfolgen ohne dazwischen zu quatschen die Geschichte, die ihnen Ines Frontzek erzählt. Die Ermahnung am Anfang der Führung "wenn ich nicht rede, dürft ihr reden und wenn ich rede, macht ihr einfach den Mund zu" hätte es wohl gar nicht gebraucht. Das Märchen bringt die Kinder zum Schweigen.

Es enthält viele Elemente, die man aus einem der Grimmschen Märchen kennt. Es gibt ein kleines Mädchen, das mit ihrem Vater und dessen neuer Frau zusammenlebt. Die böse Schwiegermutter hat eine noch bösere Schwester. Die heißt Baba Jaga, wohnt im Wald in einem Haus auf Füßen, die aus Hühnerbeinen bestehen.

Als ihr Vater einmal auf einer "Geschäftsreise" ist, wie Ines Frontzek anschaulich erzählt, wird die kleine Heldin zur bösen Hexe geschickt. Zum Glück wird sie zuvor aufgeklärt, wie sie sich gegen die Frau wehren kann. Mit einem Zauberkamm zum Beispiel. Wirft man den auf den Boden, wächst sofort ein schützender Wald, den die Hexe nicht so schnell durchdringen kann. Und dann ist da noch das Handtuch. Wirft man das auf den Boden, entspringt ein Fluss. Den will die böse Hexe am Ende austrinken, stirbt aber dabei. Die Botschaft: Bosheit führt zum Tod. Freundlichkeit zahlt sich aus.

"Ich finde es schon toll, was man lernt, wenn man sich mit anderen Kulturen auseinandersetzt", sagt hinterher Chiara Bräuer. Als 13-Jährige ist sie eine der Ältesten in der Führung. Ihre Mutter ist extra mit ihr zur Ausstellung von Öhringen nach Hall gefahren. Chiara sagt: "Die Geschichte der Baba Jaga ist fast wie Hänsel und Gretel."

Im zweiten Teil der Führung wird leichtere Kost serviert. Ines Frontzek zeigt ein Kinderbuch, das man ausklappen kann. Es entfaltet sich eine rund zwei Meter lange Puppenstube. "Was steht denn heute in der Mitte der Wohnzimmer?", fragt die Museumspädagogin, die aushilfsweise die Führung übernommen hat. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. "Der Fernseher", ruft ein Junge. "Stimmt", sagt Frontzek "aber damals war es das Klavier. Daher konnten die Kinder auch sehr gut darauf spielen."

Zum Schluss der Stunde im Museum können die Kinder selbst aktiv werden. An einem Tisch basteln sie aus schwarzer Pappe Figuren. Direkt daneben ist das dazugehörige Schattentheater aufgebaut. Auch die böse Baba Jaga wird ausgeschnitten und kommt zum Einsatz.

Info Die Sammlerin der russischen Bilderbuchillustrationen, die im Hällisch-Fränkischen Museum zu sehen sind, heißt Irina Stezhka. Sie führt am Sonntag, 5. Januar, 14.30 Uhr, durch die Sonderausstellung und wird auch in russischer Sprache die Märchen erläutern. Irina Stezhka sammelt seit mehr als 30 Jahren russische Kinderbücher und Künstlergrafiken, die als Vorlagen für die Bebilderung der Bücher dienten.