Schwäbisch Hall / VERENA BUFLER Tzzzz. Er züngelt wie eine Schlange. Tzzz. Furchterregend. Ekelhaft. Faszinierend. Die himbeerrote Zunge, die weiße Haut und die Teufelshörner, auf die er den Blick freigibt, wenn er den Zylinder vom Kopf nimmt.

Es ist Mephisto (Vilmar Bieri) - Teufel, Todbringer und Feind der Menschen. Und es ist eine Freude, ihn am Donnerstagabend bei der Wiederaufnahme-Premiere von "Faust. Der Tragödie erster Teil" auf der Großen Treppe zu sehen. Besonders sehenswert ist der Dialog zwischen Gott und Teufel, für den der Mime keinen Gegenpart benötigt - nur seine Stimme, Mimik und Körperhaltung, mit denen er die beiden Figuren karikiert.

Wenn der Teufel sympathischer erscheint als der Mensch, dann ist das bemerkenswert. Jedoch nicht überraschend, sobald man die Menschen genauer betrachtet. Jene beispielsweise, denen der Zuschauer in Auerbachs Keller begegnet. Mit Prügeln hohl aufeinander einschlagende, saufende, verstümmelte Kreaturen. Oder die fressenden, kotzenden, lästernden, ihre Beine spreizenden Weiber, die so ganz anders sind als das Gretchen (Elmira Bahrami). "Sie ist so sitt- und tugendreich, und etwas schnippisch doch zugleich", formuliert es Faust (Henning Bormann).

Gretchen - bei der Premiere im Vorjahr zurecht hochgelobt - knüpft an ihre Leistung an. Glaubhaft vereint sie kindliche Naivität und das Selbstbewusstsein einer jungen Frau. Gerne hätte man ihre Verwandlung von der holden Unschuld im rosafarbenen Tüllkleid hin zur zombieähnlichen, von Sündhaftigkeit entrückten Gestalt mit weicheren Übergängen gesehen. Doch in zweieinhalb Stunden muss manches verkürzt dargestellt werden, was in Johann Wolfgang Goethes Hauptwerk viel Raum erhalten hat. So dampften Intendant Christoph Biermeier und Dramaturg Georg Kistner die mehr als 4600 Verse auf die Hälfte ein.

Die bedeutenden Zitate aber, die mit der Zeit sogar Eingang in die Alltagssprache gefunden haben, finden sich freilich wieder, beispielsweise "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein" und "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust". Und trotzdem: Der Schwäbisch Haller "Faust" ist durchweg modern. So wird das wohl bekannteste Stück der deutschen Literatur gespickt mit Anspielungen auf die Gewalt in der Türkei oder die deutsche Bildungslandschaft. Mephisto: "Geht nur erst zur Universität, wo man euch den Bachelor überbrät." Die modernen Elemente unterstreichen, dass Goethes Zeilen noch heute, fast 200 Jahre nach deren Veröffentlichung, aktuell sind: die Suche nach dem Sinn des Lebens und nach dem, "was die Welt im Innersten zusammenhält" ebenso wie Menschen, die wie Doktor Faust alles zu haben scheinen und doch am Leben zerbrechen.

Eben diese Zerrissenheit der Hauptfigur ist es, die Henning Bormann so eindrücklich zeigt, dass es einem Schauer über den Rücken treibt. "Worte, nichts als Worte", presst er zwischen den Zähnen hervor, während er seine Fachbücher über die Treppe schleudert und ihnen Fußtritte verpasst.

Das Bühnenbild von José Luna bietet hierfür die passende Kulisse. Der verrottende Baum, der die Große Treppe dominiert, schafft eine mystische Endzeitstimmung. Untrennbar verbunden mit dem Baum ist der Todesengel (Lana Gordon), der dank seines Mienenspiels und der grazilen Bewegungen zweieinhalb Stunden präsent ist - auch, wenn er gerade nicht seine Stimmgewalt unter Beweis stellt. Einen eingehenden Titelsong hat Thomas Unruh beigesteuert.

Kritik äußern manche Zuschauer wie schon im Vorjahr an den Sexorgien auf der Treppe. Unnötig oder unverzichtbar? Daran scheiden sich die Geister. Das ist okay, denn Theater darf auch polarisieren.

Für die Wiederaufnahme-Premiere hätten die engagierten Künstler ein größeres Publikum verdient. Lediglich rund 200 Besucher trotzten Kälte und hohem Regenrisiko. Der Beifall jedoch fiel völlig zurecht kräftig aus.