Schwäbisch Hall Grabstein mit Zwangsnamen

Schwäbisch Hall / WOLF-DIETER RETZBACH 17.07.2014
525 Mark - zu diesem Preis hat die Stadt heute vor 70 Jahren den jüdischen Friedhof in Steinbach gekauft. Juden leben zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Hall. Nach dem Krieg stornieren die Amerikaner den Kauf.

Auf dem Grabstein von Berta Lehmann steht ein Name, den sie nie gehabt hatte. Die Nationalsozialisten gaben ihr und anderen jüdischen Frauen im Jahr 1939 den Zwangsnamen Sara, die jüdischen Männer mussten den Vornamen Israel zwangsweise annehmen. So sollten unter nationalsozialistischer Herrschaft Menschen sofort als Juden erkannt werden.

Der Name Sara ist auf Berta Lehmanns Grabstein kaum noch erkennbar. Die verwitterte Inschrift, so schwach sie auch zu sehen ist, verrät viel über das Schicksal der Haller Juden. Denn Berta Lehmanns Stein ist der einzige auf dem jüdischen Friedhof in Steinbach mit dem Zwangsnamen Sara. Es gibt keine anderen, weil es in der Nazizeit immer weniger Juden in Hall gab. Ihre Zahl sank in den zehn Jahren nach 1932 durch Abwanderung und Deportation von 120 auf null.

In Nazizeit nur wenige Bestattungen jüdischer Haller

Berta Lehmann, geboren am 5. Juni 1866, gestorben am 6. April 1939, war die einzige Jüdin, die während der Nazizeit auf diesem Friedhof begraben wurde. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden auf dem Steinbacher Gräberfeld nur noch zwei jüdische Bürger bestattet: Norbert Heumann im Jahr 1936 und Julius Kapp am 6. Januar 1941. Danach wurden dort keine jüdischen Bürger mehr, vielmehr aber jüdische Opfer aus dem Konzentrationslager Hessental bestattet.

"Bestattet" sei ein zu edler Ausdruck, "diese Häftlinge wurden in Massengräber geschmissen", sagt Elke Däuber. Die Stadtführerin hat zusammen mit Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch das Buch "Geachtet. Ausgegrenzt. Verfolgt. Jüdische Einwohner in Schwäbisch Hall 1933-1943" geschrieben. Dafür hat sie die Biografien jüdischer Einwohner in Hall recherchiert, darunter die von Berta Lehmann. Auch jene der Familie Herz. Aaron Herz war Mitbegründer der 1809 erbauten Steinbacher Synagoge und hatte im Auftrag der jüdischen Gemeinde den Grund für den israelitischen Friedhof in Steinbach erworben. Auf Aaron Herz Grabstein ist deshalb ein Symbol für die Steinbacher Synagoge zu sehen.

Der Stein des früheren Haller Gemeinderats Heinrich Herz steht dagegen nicht am Begräbnisort, sondern am unteren Rand des Friedhofs, zwei Meter von der Straße entfernt, in einer Reihe mit aufgestellten Grabsteinen. Weil der Belegungsplan nicht mehr zu finden war und niemand den exakten Standort der Begrabenen wusste, ließ Ernst Hornung, der erste Haller Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg, die von Nazis umgestoßenen und dann herumliegenden Steine in diese Reihe stellen.

Der jüdische Friedhof mitsamt allen Grabdenkmälern wechselte vor 70 Jahren den Besitzer: Am 17. Juli 1944, als in Hall keine Juden mehr lebten, kaufte die Stadt den Friedhof von der Reichsfinanzverwaltung - zum Preis von 525 Mark. Nach dem Krieg stornierte die amerikanische Militärregierung den Kauf.

Heute ist der jüdische Friedhof in Steinbach im Besitz der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Die Stadt pflegt den Friedhof - in Absprache mit dem Stuttgarter Regierungspräsidium, das laut Stadtsprecher Robert Gruner für alle jüdischen Friedhöfe in Baden-Württemberg zuständig ist und deren Erhaltung überwacht. Für die Pflege erhält die Stadt eine jährliche Aufwandsentschädigung, für Sanierungsarbeiten einen Zuschuss von 80 Prozent. So hat die Stadtverwaltung in den letzten Jahren beispielsweise den Zaun, die angrenzenden Fußwege und den Baumbestand saniert oder instand gehalten.

Auf Anordnung der Amerikaner gesprengt

Den jüdischen Friedhof in Steinbach gibt es seit dem Jahr 1809. Einst standen dort wohl mehr als 250 Grabsteine, viele von ihnen sind heute verschwunden. Die Nationalsozialisten transportierten sie ab, weil sie Material benötigten, wie die Lehrerin Eva Maria Kraiss vor Jahren durch Forschungen herausfand.

Die Bildhauerschule auf der Comburg bekam Grabsteine zur Verfügung gestellt. Auch für den Bau einer Unterkunft für das Personal der Stadtgärtnerei wurden Steine verwendet, ebenso für einen Durchgang zu einem Luftschutzkeller. Diese Grabsteine waren, wie viele andere auch, später nicht mehr auffindbar: Dieser Luftschutzkeller wurde auf Anordnung der Amerikaner gesprengt.

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