Schwäbisch Hall Goldene Hochzeit: Erster Kuss vor tierischem Publikum

Schwäbisch Hall / SONJA ALEXA SCHMITZ 07.11.2014
Probleme gab es. Schwierige Phasen auch. Aber die erschütterten Hannelore und Arthur Mayr nicht. Im Gegenteil, sie schweißten sie zusammen. Und am schönsten war immer die Versöhnung hinterher.

"Hier, mein Schatz", sagt Hannelore Mayr und reicht ihrem Mann eine Tasse Kaffee. Dann setzen sie sich auf ihr L-förmiges Sofa, Hund Nemo springt neben ihn, Katze Robbi schnurrt ihr um die Beine. Es gibt selbstgebackenen Zitronenkuchen und Geschichten. Bei der ersten Tasse Kaffee handeln sie von den Kindern, zwei Buben zuerst, dann zwei Mädchen. Alle zwei Jahre. Und von der Hochzeit. Erst standesamtlich, ein Jahr später kirchlich. In der Michaelskirche, zusammen mit der Taufe des ersten Kindes.

Bei der zweiten Tasse wandern die Gespräche zurück zum Kennenlernen, dem ersten Kuss unter einem riesengroßen Baum im Nürnberger Zoo. "Wir haben uns bei den Affen verliebt", scherzt er. Die beiden, 19 und 22 Jahre alt, wohnten in derselben Strasse, am Ziegeleiweg. Ein Nachbar nahm sie einst mit auf einen Ausflug in den Zoo. Schon im Bus habe es begonnen. Gespräche auf der letzten Bank. Bei den Affen dann, unter diesem großen Baum, hat er ihr den ersten Kuss gegeben. "Wir wussten beide, das ist es", sagt Hannelore Mayr. Liebe auf den ersten Kuss. Sie war sich sofort sicher, ihn heiraten zu wollen. Sie war die Älteste von sieben Kindern und wollte endlich weg von daheim. Und zwar zu diesem Mann. Er zögerte nicht lange, auch wenn Freunde ihn vor ihrer Familie warnten. Schwierige Schwiegereltern handele er sich ein. Kein Mann sei recht, die Tochter solle noch daheim bleiben und den Haushalt machen. "Die Ehe hält nicht lang", sagte ihr Vater bei der Hochzeit. "Ich beweise euch das Gegenteil", sagte die junge Braut.

Sie hat sich nicht den einfachsten Weg ausgesucht. Konflikte mit ihrer Familie und einen Mann, der schon damals Alkoholiker war. Seit 30 Jahren ist er trocken, aber bis dahin wurde ihre Ehe auf die Probe gestellt. Einmal hat sie ihren Mann vor die Wahl gestellt: entweder die Familie oder der Alkohol. "Gegangen wäre ich nicht. Ich hätte ihn niemals fallen gelassen", sagt sie.

Sie greift sich an ihre Kette, ein rotes Glasherz, daneben zwei kleine Herzen, mit denen ihre Finger spielen. "Die Kette steht für Liebe", sagt sie. Wenn sie unterwegs ist, beim Singen im Chor, dann kommt es vor, dass andere Frauen sie fragen, warum sie sie so oft anfasst. "Dann denke ich an meinen Mann", antwortet sie. Ein Geschenk? "Oh nein, Schmuck und Blumen verschenkt mein Mann nicht." Er mag es nicht, an einem Stichtag mit einem Strauss oder einem Ring dazustehen, so wie Mann das eben macht. "Weißt du noch, als wir einmal unseren Hochzeitstag vergessen haben?", sagt er und zieht seine Frau liebevoll am Nacken zu sich.

Die beiden, sie 69, er 72 Jahre alt, sind Oma und Opa von 13 Enkeln und einem Urenkel. Er ist seit acht Jahren im Ruhestand. Er arbeitete in verschiedenen Firmen. Grossag, Berner und die Haller Spinnerei waren dabei. In letzterer arbeiteten sie zusammen. Das war in der ersten Zeit ihrer Ehe. Gesehen haben sie sich nur am Abend, bevor er zur Nachtschicht musste. Sie putzte lange in der Bausparkasse, eigentlich wollte sie Friseurin werden. Ihr Vater hat es verboten, sie sollte im Haushalt helfen. Die viele Arbeit schadete ihrem Rücken. Mit 52 ging sie in den Vorruhestand. Den Haushalt teilen sich die beiden. Sie teilen viel, nur nicht die Leidenschaft für das Singen. "Sie singt, strickt, singt, singt und singt", sagt er belustigt und ein wenig stolz. Seine Hände legen sich auf seinen Pullunder - selbst gestrickt. Und sie lacht, ein mädchenhaftes, helles Lachen.

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