Elisabeth Selbert, Helene Weber, Frieda Nadig und Helene Wessel – diese vier Frauen waren maßgeblich daran beteiligt, dass der Satz „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ in den Artikel 3 des Grundgesetzes aufgenommen wurde. 1949 haben die vier Mitglieder des Parlamentarischen Rats der Bundesrepublik Deutschland für die Gleichberechtigung der Frau gekämpft. 70 Jahre später wird auf 17 Plakaten im Flur der Haller Volkshochschule im Haus der Bildung diesen vier Frauen, den „Müttern des Grundgesetzes“, gedacht. Die Ausstellung wurde am 11. Januar eröffnet.

Nur wenige der rund 25 Besucher, größtenteils Frauen, beschäftigen sich aufmerksam mit den textlastigen Plakaten. Die meisten nutzen die Gelegenheit, sich zu unterhalten. Viele der Gäste sind Frauen, die in Hall und im Landkreis politisch aktiv sind und viele gemeinsame Gesprächsthemen haben. Gleichberechtigung ist eines davon.

Helene Wirkus erzählt, dass ihre älteren Schwestern nicht studieren durften. Sie, gut zehn Jahre jünger und heute 52, bekam die Erlaubnis vom Vater beziehungsweise bis dahin war es ihm schon egal. Dennoch war Wirkus die einzige Frau in ihrem Dorf, die ein Studium begonnen hat. „Aber ich habe auch das studiert, was Frauen eben studieren: Sprachen“, sagt sie.

Beate Heilenmann ist fünf Jahre älter. Ihre Tochter habe neulich zu ihr gesagt: „Du bist eine Rebellin – eine positive Rebellin.“ Heilenmann ist Gemeinderätin in Michelfeld und seit jeher nimmt sie sich Posten an, bei denen sie was zu sagen hat, angefangen als Klassensprecherin. Durch viele Umzüge als Kind und Jugendliche habe sie durch die Neuanfänge Stärke bekommen. Aber aufgewachsen sei sie in einer Zeit, in der es für Frauen „Küche, Kirche, Kinder!“ geheißen habe. In der Schule seien die Jungen bevorzugt worden.

„Ich hatte emanzipierte Eltern“, erzählt Elvira Probst-Lipski (67). Als streitbare Jugendliche bekam sie zwar oft den lästigen Satz zu hören: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ...“, aber als Mädchen wurde sie ernst genommen und ihr Vater hat sie eher davon abgehalten, einen typischen Frauenberuf auszuüben. Und zum Thema Männerwahl habe er gesagt: „Einen Mann erzieht man sich beim ersten Brotlaib.“

Angst vor Machtbesessenheit

Eine junge Frau steht in dem langen Flur und liest aufmerksam die Plakate, auf denen Leben und Werk der „Mütter des Grundgesetzes“ festgehalten sind. „Wie viel länger hätte es gedauert, wenn es diese vier Frauen nicht gegeben hätte?“, fragt sie sich. Christine Dalinger ist Mutter und macht daheim den Haushalt. Dass das selbstverständlich ist, ärgere sie ein bisschen. Vor allem, dass dies in der Rente nicht berücksichtigt wird. „Man bekommt in unserer Gesellschaft nur Anerkennung für Arbeit, die einen wirtschaftlichen Nutzen hat.“ Die 39-Jährige studiert Politik im Fernstudium. Einige der anwesenden Frauen hätten sie angesprochen, ob sie sich bei den bevorstehenden Kommunalwahlen aufstellen lasse. „Aber ich habe Angst, so machtgierig zu werden wie viele der männlichen Politiker“, hat sie geantwortet.

Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Niemann redet derzeit viel mit Frauen, um diese in die Politik zu holen. Dabei beobachte Niemann, dass die Frauen mittlerweile viel bereitwilliger sind als vor ein paar Jahren. Donald Trump, die AfD, Pegida – das würde die Frauen motivieren. „Wenn ich das sehe, kann ich nicht auf dem Sofa sitzen bleiben“, bekommt die Politikerin zu hören. Bisher hätten es sich viele der von ihr angesprochenen Frauen nicht zugetraut. Jetzt scheint die Stunde gekommen. „Nur müssen sie auch gewählt werden.“

Info Die Ausstellung kann noch bis Freitag, 18. Januar, im Haus der Bildung besichtigt werden.