Bühne Mainhardter Räuber: Gewalt ist auch eine Lösung

Mainhardt / Beatrice Schnelle 19.06.2018
Der „Aufstand im Mainhardter Wald“ geht in seine vierte Spielzeit. Bei der Premiere machen die mehr als 90 Laiendarsteller ihr Publikum hochprofessionell zu Räubern im Geiste.

Man kennt das aus Hollywood: Autor Wolfgang Truckenmüller und Regisseurin Angelika Tröster machen es wie George Lucas bei seinen „Star Wars“­-Filmen und bringen die Vorgeschichte hinterher. Im vierten Jahr steht die Nachfolge-Inszenierung der „Räuber vom Mainhardter Wald“ auf dem Freilichtspielplan. Als musikalisch untermalte Tragikomödie erzählt „Aufstand im Mainhardter Wald“ auf Basis wahrer Ereignisse, wie sich brave Bürger aus Not und Verzweiflung kriminalisieren.

Im Publikum sitzt garantiert niemand, der für einen Räuber unserer Tage, der ja vielleicht auch seine Gründe hat, freundliches Verständnis aufbrächte. Den historischen Gesetzesbrechern hingegen schlagen mit 200 Jahren Verspätung Wellen der Sympathie entgegen. Sogar der Umstand, dass die Anfänger im Geschäft des Leute-Überfallens bei ihren ersten Beutezügen arme Schlucker erwischen, wird großzügig verziehen. Die Moral von der Geschicht’: Selbst dem bösesten Buben ist nicht mehr gram, wer sich mental in dessen Lage versetzt. Man muss es halt nur wollen.

Ausgefeilte Beschallung

Von Laienschauspiel kann nach 16 Jahren Räubertheater auf der Gögelhofwiese nicht mehr die Rede sein. Oder wie ein weiblicher Fan der ersten Stunde zum Schluss beeindruckt feststellt: „Die sind ungeheuer professionell geworden.“ Wenn es sein muss, agieren die mindestens 90 Darsteller wie ein Mann. Jeder Satz ist auf der weiten Fläche klar verständlich (falls man den Hohenloher Dialekt einigermaßen beherrscht), obwohl jeweils lediglich ein einziges Mikrofon in respektvollem Abstand vor den acht verschiedenen Schauplätzen steht. Die ausgefeilte Beschallung und Beleuchtung, unter anderem aus dem neuen Technikturm, tun ein Übriges zum überwältigenden Gesamteindruck, ebenso die bemerkenswert schönen Kulissen und Ausstattungsstücke.

Im ständigen Wechselbad der Gefühle werden die Zuschauer zu Komplizen der künftigen Räuber. Als die Bauern mit Mistgabeln gegen die Schergen des Fürsten vorgehen, jubelt das Publikum ihnen zu. Als der tapfere Bauer Ungerer durch Verräterhand ein blutiges Ende findet, fließen auf den Bänken und Klappstühlen die Tränen. Die Empathie geht tatsächlich so weit, dass der Darsteller des Fürsten Joseph bei seiner Schlussverbeugung ausgebuht wird. Der wunderbare Martin Wolfram versteht das hoffentlich als Ritterschlag: Er gibt den überzüchteten, für die Situation der hungernden Bauern komplett unempfindlichen Adligen in einer Mischung aus selbstverliebtem Strahlemann und zornigem Kind, das in seiner Wut völlig unüberlegt weitreichende Entscheidungen raushaut. Hätte er ein Handy, würde er gewiss ständig seltsames Zeug twittern.

Es sind noch mehr Parallelen zur Moderne zu entdecken. Mit Sponti-Sprüchen wie „Wer nicht aufrecht geht, sieht die Sterne nur in der Pfütze“ erinnert die Figur des Rebellen Ungerer (todtraurig und grundanständig: Uwe Jenß) an die 68er-Bewegung. Und die Wirtshaus-Diskussionen zwischen den Aufrührern darüber, ob Gewalt wirklich eine Lösung ist, hätten so ähnlich auch in der Berliner Kommune 1 stattfinden können. Die Frauen der damaligen Zeit scheinen mit der Emanzipation kein Problem gehabt zu haben: Sie kämpfen an vorderster Front und suchen sich große Liebe wie sexuelle Affären nach Gutdünken aus. Pussygrabber in schicken Uniformen schlagen sie kratzend und beißend in die Flucht.

Fragen, die offenbleiben: Wo nimmt die Mainhardter Theatergruppe solche Mengen außergewöhnlicher Charakterköpfe und markanter Nasen her? Warum wissen die mitwirkenden Kühe, an welcher Stelle sie muhen müssen? Und hatten die Bauern beziehungsweise Räuber Ende des 18. Jahrhunderts wirklich alle so beneidenswert volles Haar?

Nur noch vier Vorstellungen

Wer’s verpasst, ist selber schuld: Noch viermal gibt’s den „Der Aufstand im Mainhardter Wald“. Er ist noch am 22., 23., 29. und 30. Juni, jeweils um 20.10 Uhr auf der Gögelhofwiese zu sehen. Vor und nach der Vorstellung sowie in der Pause servieren die Mainhardter Landfrauen deftiges Räubervesper nebst kühlem Räuberbier. cito

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