Schwäbisch Hall Getreten, geschlagen, gestochen - 24-Jähriger verurteilt

Am Starkholzbacher See hätte der Verurteilte „einem das Leben nehmen können“, meint der Richter.
Am Starkholzbacher See hätte der Verurteilte „einem das Leben nehmen können“, meint der Richter. © Foto: Ufuk Arslan (Archiv)
Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran 24.08.2018
Das Amtsgericht verurteilt einen 24-Jährigen zu einem Jahr und zwei Monaten Haft. Mit Kumpels hat er am Boden liegende Männer mit Tritten und Schlägen gegen Kopf und Körper malträtiert.

Eine Hochzeitsgesellschaft vergnügt sich rund um den Steg am Starkholzbacher See. Daneben steigt eine Geburtstagsparty einer Gruppe von 14- bis 19-Jährigen. Eigentlich ein idyllischer Sommertag am Freitag, 4. August 2017. Doch er endet gegen Mitternacht in einem Gewaltexzess durch eine in der Jugendszene berüchtigte Schlägerbande aus Westheim.

Zunächst gesellen sich die ungeladenen Gäste friedlich zur Jugendgruppe. Die Stimmung schlägt um, als sich die Westheimer am Alkohol und an den Speisen bedienen. Einzelne belästigen Mädchen mit sexuellen Sprüchen und es steht im Raum, dass Mädchen begrapscht wurden.

Die Situation spitzte sich zu, als Jonas R. sich beschwerte und „eine geklatscht“ bekam, wie eine Zeugin aussagt. R. habe im Gesicht geblutet und seinen großen Bruder angerufen. Dieser solle vorbeikommen.

Brutalität der Westheimer ist bekannt

Diogo R. kommt in Begleitung. „Ich wollte das klären, also nur reden. Mein Bruder hat mich zum See geführt. Erst da habe ich gesehen, dass es die Westheimer waren.“ Hätte er das vorher gewusst, wäre er mit seinem Bruder direkt heimgefahren. Er wisse von der Brutalität der jungen Männer, die für das schnelle Messerzücken bekannt seien.

Es war aber zu spät. Die Täter zögerten nicht lange und griffen die Brüder R. und den mitgekommenen Kumpel Steffen G. an. Kurz darauf liegen diese wehrlos auf dem Boden und werden mehrere Minuten lang von jeweils mehreren Personen mit Schlägen und Tritten gegen Kopf und Körper malträtiert. Der ältere der Brüder wird zudem mit einem Messer am Bein verletzt.

Angeklagter kommt nicht

Die erste juristische Aufarbeitung erfolgte im April. Zwei junge Männer wurden zu Jugendstrafen verurteilt. Durch Berufungsanträge sind die Urteile noch nicht rechtskräftig. Gegen einen dritten wurde das Verfahren eingestellt. Gegen zwei andere sollte diese Woche nach Erwachsenenstrafrecht verhandelt werden. Einer, der heute in Krefeld lebt, ließ sich vom Arzt eine Reiseunfähigkeit attestieren. Das akzeptierte Vorsitzender Richter Wolfgang Amendt nicht und erließ Haftbefehl. Ein separater Prozess muss nun angesetzt werden.

Der andere Angeklagte erscheint: Jörn B., ein durchtrainierter 24-Jähriger mit kurz geschorenen Haaren. Der gebürtige Westheimer arbeitet in einem Boxclub. B. und ist kein Unbescholtener. Er wurde mehrfach verurteilt, auch wegen Geiselnahme (siehe Info).

Anwältin sagt, es sei Notwehr gewesen

B. gibt an, dass er das Opfer sei. Als zwischen seinen Westheimer Kumpels und den Brüdern die Fäuste flogen, habe Steffen G. ihm eine Bierflasche über den Kopf gezogen. Ein Foto zeigt Jörn B. mit Schnittwunden im Gesicht. Seine Anwältin Julia Weiß erklärt, ihr Mandant habe den Angreifer zum eigenen Schutz umklammert und zu Boden gebracht. Wenn Schläge gefallen seien, dann begründet in Notwehr. Der Angeklagte sei daher freizusprechen.

„Schläge meines Lebens kassiert“

Steffen G. beschreibt als Zeuge, wie er an den See kam, die Brüder direkt vermöbelt wurden und die Westheimer zugleich auf ihn zugestürmt seien. Er habe die drohende Gefahr erkannt und aus Notwehr seine Bierflasche gegen Jörn B. eingesetzt, bevor dieser zuschlagen konnte. Danach sei er durch mehrere Faustschläge niedergestreckt worden. Auf dem Boden liegend habe er mit seinen Armen Gesicht und Nacken geschützt, während er „die Schläge meines Lebens kassiert“ hat. „Ich dachte, wenn ich die Deckung aufmache, bin ich behindert oder tot.“ Seine Aussage wird von Zeugen gedeckt.

Unklar bleibt, wer aus der Westheimer Gruppe zugestochen hat. Mindestens drei hatten laut Zeugen ein Messer dabei. Bei B. wurde keins gesehen. Staatsanwalt Peter Bracharz wertet den Angriff als gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung, wodurch sich B. für die anderen mitverantworten muss. Bracharz spricht von „blanker Lust an der Gewalt“. Er fordert ein Jahr und sechs Monate Haft.

Messerangriff ausgeklammert

Das Gericht klammert den Messerangriff aus und entscheidet sich beim Urteil gestern Nachmittag für ein Jahr und zwei Monate Haft ohne Bewährung. Eine durch Bewährung unverbüßte Reststrafe kommt hinzu. Seit seinem 14. Lebensjahr sei das Leben von Jörn B. von „üblen Missgriffen und Misshandlungen“ geprägt, so Amendt. Der kampferfahrene Angeklagte sei eindeutig derjenige gewesen, der zum Angriff ansetzte.

Rechtsmittel können eingelegt werden. Amendt richtet aber an die Verteidigung, dass nicht geklärt wurde, ob es sich um lebensbedrohliche Handlungen dreht – wovon er allerdings ausgeht. Eine Prüfung in einem Berufungsprozess könnte zu einer deutlich höheren Strafe gegen Jörn B. führen.

Dem Verurteilten gibt Amendt mit Blick auf die Vorstrafen mit: „Sie müssen vorsichtig sein, dass Sie nicht einem mal das Leben nehmen. Das hätte am Starkholzbacher See passieren können.“

Bereits wegen Geiselnahme verurteilt

Der Angeklagte Jörn B. wurde seit seinem 14. Lebensjahr mehrfach wegen gefährlicher Körperverletzung, Waffenverstößen und Drogendelikten verurteilt. Die schwerste Straftat: eine brutale Geiselnahme im Frühjahr 2013.

Weil er vermutete, dass ein junger Mann Geld unterschlagen hat, fuhr er mit ihm und drei Tatbeteiligten in den Wald. Er bedrohte das Opfer mit einer Schreckschusspistole, hielt sie gegen die Schläfe, kündigte Russisch Roulette an und drückte ab. Das Opfer, so Richter Wolfgang Amendt, musste von einer scharfen Waffe ausgehen. Die Täter hätten den Anschein erweckt, das Opfer  töten und im Wald begraben zu wollen. Um das Auto „nicht schmutzig zu machen“, habe das Opfer aussteigen und vor einer Hecke knien müssen. In Todesangst habe sich der junge Mann aber mit einem Schlag gegen die Waffe vom verdutzten Jörn B. befreien und in den Wald flüchten können.

B. wurde zu zwei Jahren und zehn Monaten Jugendstrafe verurteilt, wovon er 10 Monate absaß. Die restliche Strafe wurde nach einer Drogentherapie im November 2016 auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Neun Monate später kam es zum Vorfall am Starki. thumi

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