Schwäbisch Hall Geschichtswerkstatt präsentiert Buch über den Ersten Weltkrieg - Rund 100 Gäste

Schwäbisch Hall / VERENA BUFLER 07.11.2014
Das Interesse am Ersten Weltkrieg ist in der Region auch 100 Jahre nach Kriegsausbruch groß: Bei der Buchpräsentation der Geschichtswerkstatt am Mittwochabend bleibt im Engelhardt-Palais kein Stuhl frei.

Das Tolle an dem Buch, sagt Pfarrer Dr. Johannes Albrecht aus Oberaspach in seinem Grußwort, seien die verschiedenen Perspektiven. Denn der Erste Weltkrieg hat sich nicht nur an den Fronten abgespielt, sondern auch in Hall und drum herum.

Der Nahrungsmangel war ein Dauerthema. "Der Krieg änderte notgedrungen die Essgewohnheiten", sagt Dr. Heike Krause, eine der 15 Autoren des Buches "Schwäbisch Hall 1914 - 1918. Eine Stadt und ihre Region im Ersten Weltkrieg". Die Frauen entwickelten viel Fantasie, um ihre Familien mit den wenigen ihnen zur Verfügung stehenden Lebensmitteln satt zu bekommen. Sie backten Kriegskuchen ohne Fett und Mehl, streckten Brot und bedienten sich Ersatzlebensmitteln für Mehl wie Reismehl, Bohnenmehl und Maispuder-Mehl. Es gab ölfreien Salatzusatz und der Staat verordnete fleischlose Wochen. "Das ist also keine Erfindung der Grünen", sagt Heike Krause in Anlehnung an den 2013 von Politikern ins Gespräch gebrachten "Veggie Day".

Trotz der Armut der Bevölkerung sei die Bereitschaft zur Unterstützung der Kriegsbetroffenen groß gewesen. "Es kamen verhältnismäßig stattliche Spendensummen zusammen", sagt Annette Imkampe, Erste Vorsitzende der Geschichtswerkstatt, bei der Lesung, die von einem Blockflöten-Quartett musikalisch gekonnt umrahmt wurde.

Da Fleisch knapp war, schreckten die Menschen nicht davor zurück, Hunde zu essen. In einer Anzeige im Haller Tagblatt vom 15. März 1915 wird ein "gut beleibter Hund" zum Kauf gesucht. "Das war sicher nicht aus Tierliebe", sagt Heike Krause, "sondern fürs Abendbrot". Just in diesem Moment jault ihr schwarzer Vierbeiner auf, der zuvor ruhig auf dem Fußboden gelegen hatte. Die rund 100 Besucher lachen herzlich.

Nicht nur Menschen kämpften an der Front, sondern auch 14 Millionen Tiere wurden in den Schlachten des Ersten Weltkriegs eingesetzt. Mehr als zwei Drittel starben. "Nicht nur Pferde und Maultiere, die Soldaten trugen oder Waffen in den Kampf zogen, sondern auch Hunde, Katzen, Tauben, Rentiere, Dromedare und Elefanten, sogar Delphine und Seelöwen hatten bald ihre spezifischen Aufgaben", ist im Buch zu lesen.

Das 556 Seiten umfassende Werk ist ein gemeinsames Projekt der Geschichtswerkstatt sowie des Stadtarchivs, das ohne Unterstützer nicht möglich gewesen wäre, die zum Beispiel Feldpostkarten, Wehrpässe und andere Dokumente zur Verfügung stellten.

Mit der Auswertung von Feldpost beschäftigte sich Daniel Stihler vom Stadtarchiv. Ein kleines schwarzes Büchlein mit Briefen des Kanoniers Robert Kraft aus Kupfer entpuppte sich für ihn als Schatz. Denn Kraft erlebte einerseits als einer von wenigen fast den gesamten Krieg an der Front - die meisten Männer aus seiner Einheit waren 1916 bereits tot -, und andererseits war er so eloquent, seine Erlebnisse in Worte zu fassen, vor denen Hunderttausende andere Soldaten, die Ähnliches erlebt hatten, verstummten.

Es sind auch die im Buch beschriebenen Einzelschicksale, die den Leser den Krieg als ein Ereignis wahrnehmen lassen, das noch gar nicht so lange her ist. So berichtet Dr. Andreas Maisch, Leiter des Stadtarchivs, von dem letzten alliierten Toten des Ersten Weltkriegs, einem Kanadier: "Er wurde zwei Minuten vor elf erschossen. Um 11 Uhr begann der Waffenstillstand."

Wie die lokale Zeitung vom Krieg berichtete, damit beschäftigte sich Tobias Würth, HT-Redakteur und Mit-Autor des Buches. "Die einfache Antwort ist: Es bedurfte gar keiner Zensur. Der Schreiber hat sowieso nur das zu Papier gebracht, von dem er dachte, dass die Menschen es lesen wollen."

Info Das Buch ist für 30 Euro im Haller Stadtarchiv erhältlich.

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