Prozess Gericht befürchtet Schlammschlacht

Das Landgericht Heilbronn eröffnete gestern den Prozess wegen versuchten Totschlags und besonders schwerer Vergewaltigung. Der Angeklagte (rechts neben seinem Verteidiger) äußerte sich zum Auftakt nicht zu den Vorwürfen.
Das Landgericht Heilbronn eröffnete gestern den Prozess wegen versuchten Totschlags und besonders schwerer Vergewaltigung. Der Angeklagte (rechts neben seinem Verteidiger) äußerte sich zum Auftakt nicht zu den Vorwürfen. © Foto: Hans Georg Frank
Heilbronn / Von Hans-Georg Frank 15.09.2018

Mahnende Worte sind ein besonderes Anliegen von Roland Kleinschroth, bevor er als Vorsitzender Richter der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts einen Prozess beginnt. Das durfte gestern auch Mithat A. (42) als Angeklagter erleben. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, am 2. Februar seine getrennt von ihm lebende Frau in Untermünkheim unter Bedrohung mit einem Messer vergewaltigt zu haben. Fünf Wochen später, am 15. März, soll er sie in Heilbronn in ihrem Auto angegriffen und schwer verletzt haben. Die Anklage geht bei der zweiten Tat von versuchtem Totschlag aus. Kleinschroth verwies allerdings auf eine „gewisse Nähe zu Mordmerkmalen“. Dadurch könnte sich die Dauer einer eventuellen Freiheitsstrafe verlängern.

Zweifel an Erinnerungslücken

Dem „nicht praktizierenden Moslem kurdischer Herkunft“, wie er sich selber bezeichnete, empfahl der Richter wahrheitsgemäße Aussagen. An angeblichen Erinnerungslücken während der zweiten Tat hat die Kammer demnach erhebliche Zweifel. Offenbar wird im größten Sitzungssaal des Heilbronner Landgerichts auch nicht mit einem reibungslosen Prozessablauf gerechnet. „Wenn man die Akten liest, spürt man, dass dieses Verfahren durchaus Potenzial hat für eine ziemlich große Schlammschlacht“, erklärte Kleinschroth. In den Lagern von Opfer und Angeklagtem gebe es „gegensätzliche Aussagen“.

Der Angeklagte ist 1976 in Erzurum (Türkei) geboren, wie einer verlesenen Erklärung seiner Verteidigerin zu entnehmen war. Aus der größten Stadt Ostanatoliens kam er 1980 mit seiner Familie nach Deutschland, hatte keinen Schulabschluss, versuchte sich dann in diversen Jobs in Dönerbuden, als Fahrer und Wachmann. 1999 habe er nach islamischem Recht geheiratet, sei Vater von zwei Söhnen geworden, 2008 hätten sich die Partner getrennt, obwohl die Ehe „sehr glücklich“ gewesen sein soll. Aber wegen seiner Arbeitslosigkeit habe es keine Perspektive gegeben. Er räumte in diesem Zusammenhang „immer wieder Streitigkeiten“ ein.

Zweite Ehe

Die Frau, die jetzt Opfer seiner Angriffe geworden sein soll, hatte er 2011 kennengelernt, im Oktober 2014 heirateten sie standesamtlich. Drei Jahre später, nach dem Verlust eines Babys, zog die Frau von Heilbronn nach Untermünkheim. Dort soll Mithat A. am 2. Februar 2018 gegen 8 Uhr aufgetaucht sein, sich als Paketbote ausgegeben und so Zutritt zu der Wohnung bekommen haben. Er habe sie mit einem Teppichmesser bedroht, habe ihr die Augen herausschneiden wollen, heißt es in der Anklage. Weil die Angegriffene um ihr Leben fürchtete, habe sie „notgedrungen“ den verlangten Geschlechtsverkehr über sich ergehen lassen.

Attacke auf Heimfahrt

Nach einem Mediationsgespräch bei einem Anwalt in Heilbronn am 15. März soll der Angeklagte die damals 33 Jahre alte Frau erneut attackiert haben. Bei einem Stopp auf der Heimfahrt soll er gegen 19.30 Uhr die Seitenscheibe mit einer 16 Zentimeter langen Anreißnadel aus Stahl eingeschlagen und der Frau mehrfach in Gesicht und Halsbereich gestochen haben, „um sie zu töten“. Er habe sie in die Hand gebissen, an den Haaren aus dem Fahrzeug gezogen und „mit voller Wucht gegen den Kopf getreten“, las die Staatsanwältin vor. Passanten hätten „mit erheblicher Kraftanwendung“ den Angriff gestoppt. Der Tatort liegt etwa 300 Meter entfernt von dem Gerichtsgebäude, in dem jetzt die juristische Aufarbeitung begonnen hat. Mithat A. wurde verhaftet, er sitzt seither in Untersuchungshaft.

Der Streit um die Trennung zog sich längere Zeit hin. Ein erstes Gespräch mit einem Anwalt fand im September 2016 statt. Im Oktober 2017 erwirkte die Frau eine einstweilige Anordnung gegen den gewalttätigen Mann. Er soll ihr angedroht haben, ihr Leben zu zerstören, wenn sie ihn verlassen sollte, geht aus der Anklageschrift hervor. Seit 14. August 2018 ist die Ehe geschieden.

Terminplan sieht Urteil am 14. Dezember vor

Für den Prozess hat die 1. Große Schwurgerichtskammer 13 Verhandlungstage angesetzt. Die Fortsetzung findet am 28. September statt. Ein Urteil wäre am 19. Dezember zu erwarten. Ob die Terminplanung eingehalten werden kann, ist unklar. Zum Auftakt wollte die Verteidigung ein Rechtsgespräch aller Beteiligten und eine Aussprache mit dem Mandanten.

Für die Beweisaufnahme sind 38 Zeugen geladen. Zwei Sachverständige aus Rechtsmedizin und Psychiatrie sollen gehört werden.   hgf

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