Oft wird Gerd Ferdinand von seiner Frau Christine morgens gefragt: „Wo gehst du heute hin?“ Die Betonung liegt auf „heute“. Sie hat über die Termine ihres Mannes keinen Überblick. Seit 1999 ist der ehemalige Lehrer im Ruhestand, aber ruhiger ist sein Leben seither nicht geworden. Ihn treibt etwas um und an. Er hat ein großes Herz, das vor allem für Kinder schlägt. Der Senior arbeitete als Grundschullehrer in Bühlerzell, dann studierte er Sonderschulpädagogik und wurde Lehrer an der Förderschule Ilshofen. Im Studium erfuhr er von der Montessori-Pädagogik und begeisterte seinen Rektor davon, so dass sein Arbeitsplatz nach einigen Lehrerfortbildungen die Maria-Montessori-Schule wurde.

Für Kinder gekocht

Mitte der 80er-Jahre wurmte es den Lehrer, dass die Schüler, die am Nachmittag Unterricht hatten, kein vernünftiges Mittagessen bekamen. Also begann er eines Tages, für sie zu kochen. Er lieh sich von seiner Frau Kochtöpfe aus und sein erstes Gericht war Chili con Carne. Er mobilisierte auch andere zum Kochen und schließlich wurde die Schulverpflegung fest eingeführt. Noch heute ist er zuständig für die Konten des Fördervereins der Schule. Die Arbeit erledigt er gleich morgens nach dem Aufwachen.

Es klingelt. Ein Nachbarsjunge steht vor der Tür. Er hat keinen Schlüssel und es ist niemand zu Hause. Gerd Ferdinand bittet ihn herein, der Junge bekommt ein Buch in die Hand und eine Banane.

Ferdinand wuchs in Kriegszeiten auf. In seiner Heimatstadt Heilbronn wurde die Polsterei seiner Eltern zerbombt. Die Familie floh nach Thüringen, dann war sie eine Weile in Diefenbach und in München, bevor sie zurück nach Heilbronn kam. Dort musste sie in einer Baracke in einem Lager leben. In der Schule war er das „Lagerkind“. Er fand keinen Anschluss an die Klassen­kameraden und die Lehrer benoteten ihn unfair. Möglicherweise sind es die Erfahrungen von damals, die ihn antreiben, die Umstände von Kindern zu verbessern.

Eigene Kinder sind den Ferdinands verwehrt geblieben. Beide sind sie Lehrer gewesen. „Aber ich war viel realistischer als er“, sagt seine Frau Christine. Ihr Mann ging viel emotionaler an „seine Schüler“ ran.

Alles, was Krach macht

Wenn er heute mal nichts zu tun hat, schaut er gerne fern. Dokumentationen, die ihn etwas lehren, aber nicht selten traurig stimmen. Dann sitzt er still da und oft kommen ihm die Tränen. „Zu schnell!“, findet er und schon werden seine Augen wässrig.

Die Emotionen schlagen ins Positive aus. Seine vielen Aktivitäten haben meist mit Freude zu tun und passen nicht auf eine Zeitungsseite. Musik kommt darin geballt vor. Zum Siebzigsten wünschte er sich eine Drehorgel. Die steht nun im Wohnzimmer und wird oft bei Feiern benutzt. Dann singt seine Frau und er dreht und macht Scherze. Er sang bei den Achtlosen, beim Hohenloher Kammerchor, spielt im Lehrersinfonieorchester „alles, was Krach macht“.

Gerd Ferdinand redet außerordentlich schnell. Das ist ihm bewusst, auch weil es ihm die Flüchtlinge, denen er Deutsch beibringt, oft sagen. Schnell, engagiert, interessiert, musikalisch, großherzig, lustig – viele Adjektive passen auf den Jubilar, der zwei Tage lang mit 90 Gästen Geburtstag feiern wird. Was schenkt man so einem Menschen? Wünsche hat er keine, aber seine Frau weiß, was ihm gefallen wird. Also bekommt er einen Zeppelinflug und eine Fahrt in einem BMW Dixi. Sein Wunsch für die Welt: „Dass die Menschen aufhören, Angst davor zu haben, die Flüchtlinge könnten ihnen etwas wegnehmen.“

Zwischen Gesang und Erster Hilfe


Gerd Ferdinand wird 1938 in Heilbronn geboren. Nach einer Ausbildung bei der Bundesbahn macht er 1966 ein Lehramtsstudium in Schwäbisch Gmünd und arbeitet fünf Jahre an der Grundschule in Bühlerzell. Mit Ende dreißig beginnt er ein Studium der Sonderschulpädagogik in Reutlingen und Tübingen. Unterbrochen von sechs Jahren an der Käthe-Kollwitz-Schule in Crailsheim arbeitet er bis zur Pensionierung an der Förderschule in Ilshofen.

Er war Dirigent beim Gesangverein Bühlerzell. Außerdem engagierte er sich beim Roten Kreuz als Kreisjugendleiter. Er baute den Schulsanitätsdienst auf und ist Mitbegründer der Rotkreuzgruppe Oberes Bühlertal. sasch