Schwäbisch Hall Gedenken an Opfer des Naziterrors vor 80 Jahren in Hall

Jochen Narciß-Sing (Geige) spielt zusammen mit Jürgen Ohnemus (Gitarre, von hinten) bei der Gedenkfeier gestern Abend auf dem Marktplatz.
Jochen Narciß-Sing (Geige) spielt zusammen mit Jürgen Ohnemus (Gitarre, von hinten) bei der Gedenkfeier gestern Abend auf dem Marktplatz. © Foto: Thumilan Selvakumaran
Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran 10.11.2018
Rund 200 Bürger kommen zur Gedenkveranstaltung am Freitagabend auf den Haller Marktplatz. 80 Jahre nach dem Naziterror sei Antisemitismus wieder ein Problem, sagen die Redner.

Das Medley aus dem hebräischen Volkslied „Hava Nagila“ und Deep Purples „Smoke on the water“ hallt vom Marktplatz durch die Obere Herrngasse. Knapp 200 Menschen stehen am Freitagabend um den Gedenkstern auf dem Haller Markplatz. Sie stehen auch um Jochen Narciß-Sing und Jürgen Ohnemus, die auf Geige und Gitarre im Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht vor exakt 80 Jahren spielen.

Damals, an jenem 9. November 1938, entlud sich in ganz Deutschland der Hass der durch Nazis aufgehetzten Deutschen in brutaler Gewalt gegen Juden – auch in Schwäbisch Hall, auch in der Oberen Herrngasse, wo der Betsaal verwüstet und geplündert wurde; in den Häusern und Geschäftsräumen der jüdischen Mitbürger; auf dem Marktplatz, wo Tausende Bücher verbrannt wurden; in Steinbach, wo die Synagoge angesteckt wurde.

Polizei greift nicht ein

„Die späten Löschversuche der Feuerwehr wurden durch die Brandstifter verhindert“, erinnert Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. Das Gotteshaus brannte komplett ab. Daneben seien die Haller Juden durch den fanatischen Mob geschlagen, gedemütigt, grausam verschleppt und zum Teil ermordet worden. Die Polizei habe bei den Gräueltaten nicht eingegriffen.

Die Täter, so Pelgrim weiter, hätten „ein großes, erschreckendes Maß an Zustimmung“ in der Bevölkerung gefunden. Unter ihnen sei ein „guter Durchschnitt der Haller Bürger“ gewesen. Und der Hass sei nicht wie eine Naturgewalt plötzlich hereingebrochen – er habe sich über Jahre zugespitzt. „Am Ende stand die Entmenschlichung der Juden.“ Millionen von ihnen wurden von den Nazis systematisch getötet.

Die Vorgänge, auch in Hall, seien erschreckend und beschämend. Pelgrim zitiert den US-Philosophen George Santayana: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Bei der Gedenkveranstaltung wirken auch vier Zwölftklässler vom Gymnasium bei St. Michael mit: Lea Hägele, Ilayda Kohl, Johannes Löw und Elizabeth Mateus. Sie führen den Zuschauern vor Augen, wie weit die Thematik für viele Jugendliche entfernt ist, und wie aktuell die Gefahr heute doch ist. Etwa mit Fake News in sozialen Medien funktioniere Propaganda weiterhin, wenn auch eine Gleichschaltung der Medien wie damals nicht mehr möglich ist. „Wir können uns einig sein, dass sich so was auf gar keinen Fall wiederholen soll“, sagt eine der Schülerinnen.

Kritik gehört zur Demokratie

Die evangelische Dekanin Anne-­Kathrin Kruse spricht den weiterhin existierenden Antisemitismus an und nennt den mörderischen Anschlag Ende Oktober in Pittsburgh. Ein Mann hat dort in der Nähe einer Synagoge mehrere Juden erschossen. Kruse mahnt: „Auch wir müssen wachsam und sensibel sein.“

Früher habe es religiösen Judenhass gegeben. Heute hassten Menschen Juden auch wegen ihres Staates Israel, meint die Haller Dekanin. Sie betont dennoch: „Israel zu kritisieren, ist Teil der Demokratie.“ Es gebe aber „natürlich  einen Unterschied zwischen Juden und Israelis“. Sie mahnt dabei den Rassismus, die Apartheid und den Völkermord im Konflikt mit den Palästinensern an.

Kruse hält es für „brandgefährlich“, wohin sich der Judenhass in Deutschland bewegt. „Jude“ werde an Schulhöfen als Schimpfwort verwendet, in manchen Sy­na­gogen sei das Beten nur unter bewaffnetem Schutz möglich. „Wir wissen, wohin der Weg uns geführt hat. Lassen Sie nicht zu, dass wir ihn noch einmal gehen.“

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