Baukunst Gebäudeforschung widerlegt Pfarrer-Mayer-Nostalgie

Oben wohnten die Bauern, unten lebten die Tiere: typisches Haus in der Luckenbacher Straße.
Oben wohnten die Bauern, unten lebten die Tiere: typisches Haus in der Luckenbacher Straße. © Foto: privat
Schwäbisch Hall / Albrecht Bedal 22.02.2018

Das Dorf Bibersfeld, heute ein Teilort der Großen Kreisstadt Schwäbisch Hall, liegt am Fuß des Mainhardter Waldes. Der Ort selber wurde erstmals 1265 urkundlich erwähnt, seit dem 16. Jahrhundert war das Dorf weitgehend im Besitz der Reichsstadt. Trotz dieser langen Vergangenheit galt seine historische Bausubstanz jedoch bisher bis auf die Margarethen-Kirche als eher unbedeutend und jung, da Bibersfeld am Ende  des Zweiten Weltkrieges unter starken Beschuss geriet und viele Bauernhöfe in der Ortsmitte damals zerstört wurden. Aber auch Dorfbrände schon einige Jahrhunderte vorher, wie 1690, und viele Erneuerungen im 19. Jahrhundert dürften ihr Übriges getan haben, um keine alte Bausubstanz überleben zu lassen – so ist anzunehmen.

Arbeitskreis kümmert sich

Anlässlich des 750-jährigen Dorfjubiläums 2015 beschäftigte sich eine historisch interessierte Gruppe des Dorfgemeinschaftsvereins auch mit den älteren Gebäuden im Dorf. Dabei wurden alle Gebäude, die ein Baujahr von vor 1800 vermuten ließen, begangen und begutachtet. Das Hohenloher Freilandmuseum und das Landesamt für Denkmalpflege haben die Datierungsauswertung finanziell unterstützt. Die Begehung von insgesamt 13 Gebäuden und die Außeneinschätzung von weiteren Häusern ergaben, dass sich in Bibersfeld aus der Zeit vor 1750 mindestens vier Bauernhäuser weitgehend erhalten haben, bei einigen anderen sind es nur noch einige wenige Bauteile. Diese Häuser sind vom Äußeren nicht besonders bemerkenswert, sie zeigen, wenn überhaupt, ein einfaches Fachwerk im Obergeschoss in der Manier des 19. Jahrhunderts. Die Erdgeschosse sind meist stark verändert worden, aber es lässt sich unschwer erkennen, dass sich hier in früheren Zeiten die Ställe für das Vieh befunden hatten.

Baualtersmäßig erfassbar sind diese Häuser nur im Dachwerk mit dem freiliegenden, verrußten Balkenwerk. Die dortige Schwärzung weist auf ein ehemaliges offenes Feuer in der Küche hin und einen fehlenden Kamin durch das Dach, früher eine übliche Anlage – kein Wunder, dass sich der Ruß des Feuers auf die Dachbalken gelegt und sie geschwärzt hat.

Bauholz verrät das Alter

Drei dieser vier Häuser konnten bauhistorisch genauer erforscht und ihr Baudatum konnte über eine Holzaltersbestimmung exakt festgestellt werden, obwohl sonst über diese Häuser keine Jahreszahlen bekannt waren. Der Bauhistoriker Gerd Schäfer aus Schwäbisch Hall übernahm die Auswertung, die für das Haus Luckenbacher Straße 13 das überraschend frühe Baujahr 1591 erbrachte – in diesem Jahr wurden die Bäume für das Haus gefällt und auch gleich zu Balken verarbeitet und sofort aufgestellt – so die übliche Vorgehensweise in früheren Zeiten. Dieses zweigeschossige Haus entspricht in seiner Aufteilung und Nutzung ganz dem Typ des sogenannten Pfarrer-Mayer-Hauses, das für seine vertikale Unterteilung in Stall im Erdgeschoss und Wohnung im Obergeschoss seit dem späten 18. Jahrhundert bekannt wurde – jedoch schon 150 Jahre früher, als es die Liebhaber des Pfarrer-Mayer-Hauses wahrhaben wollen.

Auch das zweitjüngste Haus, Am Kressenbach 13, von 1715 entspricht ebenfalls dieser Anordnung. Es ist immer noch gut 50 Jahre vor der Veröffentlichung von Pfarrer Mayer gebaut worden, auf die sich viele Laienforscher bei der Altersbestimmung der Bauernhäuser beziehen. Aber nicht nur in Bibersfeld stehen solch alte zweigeschossigen Häuser, sondern sie sind in den Dörfern um Schwäbisch Hall genauso nachzuweisen, wie zum Beispiel in Gailenkirchen (1521), Sülz (1544), Hessental (1570) oder in Eltershofen (1652). In Eltershofen steht sogar noch ein Haus aus dem Spätmittelalter, das schon 1448 zweigeschossig gebaut wurde. Allerdings wird es hier schwierig, die ursprüngliche Anordnung zu entschlüsseln, die Wohnung befand sich jedoch dort immer im Obergeschoss.

Geheimnisse in Dachräumen

Die Dächer der drei Häuser sind alle stützenfrei gestaltet. Die schrägen Sparren stützen sich dabei gegenseitig, eine Firstpfette ist nicht notwendig und auch in der gesamten Region im historischen Bauwesen nicht vorhanden. Um jedoch einen Zwischenboden einführen zu können und gleichzeitig den Dachraum nicht mit Stützen zu verstellen, kam der „Liegende Stuhl“ in Gebrauch. Dabei leiten die in der Dachschräge eingestellten Stuhlstreben die Last aus dem Dach und dem Zwischenboden direkt auf die Außenwand ab und lassen den gesamten Innenraum ungestört.

Dieser „Liegende Stuhl“ gilt gemeinhin als die klassische Konstruktion der „Pfarrer-Mayer-Häuser“, ist hier aber überall schon deutlich früher verwendet worden. Häufig wurden allerdings später Trennwände in den Dachböden eingezogen und verschleiern damit die Bauart.

Alles unter einem Dach

Diese Häuser sind alle reine Wohn-Stall-Häuser, die notwendigen Bergeräume und Vorratsräume für die Viehfütterung befanden sich in der Regel in früheren Zeiten hier in der Region in einem eigenen Gebäude, der Scheune. In Bibersfeld allerdings hat sich nun beim Haus Luckenbacher Straße 20 von 1728 gezeigt, dass schon am beginnenden 18. Jahrhundert sogenannte Eindachhäuser gebaut wurden, die an den Wohn-Stall-Bereich einen Wirtschaftsteil angefügt haben – alle Funktionen eines Bauernhauses unter einem Dach vereint.

Solche Einhäuser sind zwar schon aus dem Spätmittelalter aus dem Schwarzwald und Oberschwaben bekannt, bisher ging man aber davon aus, dass im Hohenlohischen Eindachhöfe erst im Laufe des späteren 19. Jahrhunderts eingeführt wurden. Dort lebten vor allem Kleinbauern.

Info Albrecht Bedal war viele Jahre Leiter des Hohenloher Freilandmuseums in Wackershofen.

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