Schwäbisch Hall Geachtet, geächtet, geflohen: Dr. Jakob Berlinger war dererste Rabbiner in Schwäbisch Hall

BUF 21.07.2014
Dr. Jakob Berlinger und seine Frau Rifka teilten in den 30er-Jahren das Schicksal vieler jüdischer Glaubensgenossen. Einst in der Gesellschaft geachtet, wurden sie von Nazis verfolgt und zur Flucht gezwungen.

Der Dr.-Jakob-Berlinger-Weg führt durch das Gewerbegebiet Solpark. Wohnhäuser gibt es in diesem Weg keine, dafür aber Firmengebäude wie das der PSA Zuführtechnik GmbH. Geschäftsführer Fritz Kraft sieht von seinem Büro aus den Haller Hausberg Einkorn. "Eine kleine Entschädigung für die staubige Straße. Mein Auto muss alle paar Tage in die Waschstraße", sagt er. Seit drei Jahren kennt er den Weg nur in diesem Zustand - solange existiert die Firma bereits im Solpark. Der Dr.-Jakob-Berlinger-Weg ist nur vorgeteert, teils fährt man über Erde und Schotter. "Ich hoffe, dass das noch gemacht wird", sagt Kraft.

Die Berlingers teilten in den 30er-Jahren das Schicksal vieler jüdischer Glaubensgenossen. Einst auch unter der nicht jüdischen Bevölkerung geachtet, wurden sie zunehmend diskriminiert. Die Regierung der Nationalsozialisten zeigte 1934 für die Berlingers erste schwerwiegende Folgen: Da das Rabbinatsgehalt nicht mehr bezahlt werden konnte, wurde Jakob Berlinger am 1. April zwangspensioniert.

Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die öffentliche Schmähung in der Reichspogromnacht am Morgen des 9. November 1938. Der lärmende Mob stürmte als erste private Wohnung die Obere Herrngasse 1, in welcher der pensionierte Rabbiner Jakob Berlinger und seine Frau Rifka lebten. Die fast 3000 Bücher umfassende Bibliothek des damals 72-Jährigen und seiner 58-jährigen Frau wurde auf dem Schwäbisch Haller Marktplatz verbrannt. Um die angesehenen jüdischen Mitbürger besonders zu demütigen, warf man Eier und Tomaten in ihre Wohnungen. Diese Kränkung traf das Ehepaar Berlinger zutiefst.

Nachdem sie nur knapp der Deportation in ein Konzentrationslager entgangen waren, flohen die Berlingers im Jahr 1939 in die Schweiz, ein Jahr später gelang es ihnen, nach Palästina auszuwandern. Da sie unterwegs ihr gesamtes Hab und Gut - unter anderem ihre Möbel - verloren, verbrachten sie ihre letzten Lebensjahre in ärmlichen Verhältnissen.

Jakob Berlinger entstammte einer bedeutenden württembergischen Rabbinerfamilie. Rabbiner bedeutet übersetzt etwa "Meister, Lehrer", ist ein Titel für besondere Thora-Gelehrsamkeit, er arbeitet auch als Seelsorger. Ein jüdischer Rabbiner entspricht dem christlichen Priester.

Berlinger wurde am 29. April 1866 als Sohn des Rabbiners Menko Berlinger und seiner Frau Fanny in Braunsbach geboren. Dort wuchs er zusammen mit neun Geschwistern auf. Im Jahr 1900 übernahm er von seinem Vater das Rabbinat in Braunsbach. Lange bevor der Rabbinatssitz 1913 nach Schwäbisch Hall verlegt wurde, zog er mit seiner Frau Rifka in die Obere Herrngasse ein, in die Nähe des 1893 errichteten Betsaales.

Jakob Berlinger prägte als Vertreter des orthodoxen Judentums die religiöse und politische Ausrichtung der jüdischen Gemeinde in Schwäbisch Hall, die um die Jahrhundertwende ungefähr 200 Juden zählte. Seine Frau Rifka, die als warmherzig und bescheiden beschrieben wurde, engagierte sich unter anderem als Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins für die Pflege Kranker.

Dass ihre Ehe kinderlos geblieben war, war tragisch für Rifka Berlinger. So entschloss sich das Ehepaar, das verwandte Mädchen Helene Roberg an Kindes statt anzunehmen. Helene erlitt während des Dritten Reiches ein trauriges Schicksal. 1939 floh sie, inzwischen 31-jährig, vor den Nazis nach Amsterdam. Dort wurde sie aufgegriffen und ins Vernichtungslager Sobibor (heute ein Dorf im Osten Polens) gebracht, von wo sie nie zurück kehrte.

Nach fünf Jahren des Lebens unter widrigen Umständen starb Jakob Berlinger am 17. Januar 1945 in Palästina, seine Frau überlebte ihn anderthalb Jahre. Die Berlingers sind bis heute Halls einziges Rabbinerehepaar. Der Dr.-Jakob-Berlinger-Weg gehört zu den Gedenkorten für Opfer der NS-Diktatur.

Info zur Serie

Straßennamen In einer losen Serie stellen wir Namensgeber verschiedener Straßen im Landkreis Hall vor. Was ist das Besondere an der Person? Und was wissen die Anwohner über den Namensgeber ihrer Straße?

Mitmachen Möchten Sie auch mehr über den Namensgeber Ihrer Straße wissen? Schreiben Sie uns eine E-Mail an redaktion@hallertagblatt.de, ein Fax an (0791) 404480 oder einen Brief an: Zeitungsverlag Schwäbisch Hall, Redaktion, Haalstraße 5+7, 74523 Schwäbisch Hall

SWP