Der ehemalige Gasthof Engel-Post hat über 120 Jahre Braunsbacher Ortsgeschichte mitgeschrieben. Bereits 1896 gibt es in der Gemeinde einen Bauantrag auf Sanierung des großen Saals. Das Wirtshausschild  – eine Engelfigur, die einen Siegeskranz hält – steht heute unter Denkmalschutz. Der Engel scheint auch ein Schutzengel zu sein: Das Gebäude mit rund 500 Quadratmetern Nutzfläche auf drei Stockwerken hat zwei Weltkriege, mehrere Hochwasser und die Naturgewalt eines Unwetters in der Nacht vom 29. Mai auf den 30. Mai 2016 fast unbeschadet überstanden. Nur die bereits 1814 gebaute Scheune des Gasthauses wurde durch Wassermassen,  Schlamm und Geröll schwerer beschädigt.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war der „Engel“ eine bedeutende Braunsbacher Schildwirtschaft mit Poststation, gebaut von Karl Losch und dessen Familie. Ein Richtfestbild, das Werner und Doris Friedl, die heutigen Eigentümer des Anwesens, besitzen, zeigt die Zimmerleute auf dem Holzfachwerk des Engel-Rohbaus.

Noch vieles im Originalzustand

Der Gasthof Engel-Post ist auf einer Ansichtspostkarte von Braunsbach aus dem Jahr 1904 mit verputzter Fassade zu sehen. Dank seiner gut erhaltenen Räumlichkeiten weckt das Haus Erinnerungen an die Kaiserzeit. Damals wurden beim Gasthaus noch die Pferde für die Postkutsche gewechselt.

Im Jahr 1925 erwarben Hermann und Katherine Burkhardt, die Großeltern von Werner Friedl, das Anwesen am Kocherufer. Das ortsbildprägende Gebäude gab im Laufe der Jahrzehnte mehreren Familien und Menschen eine Heimat. Im ersten Obergeschoss praktizierten einst die Ärzte Dr. Hertling und Dr. Ernst. Im zweiten Obergeschoss wohnte Werner Friedls Tante Emma Schneider mit ihrer Familie. Hausbewohner waren die Familien Falk, Laun und Herr Kleiner. Ab Anfang der 60er-Jahre beherbergte das Haus in der Geislinger Straße 12 zusätzlich zur Gastwirtschaft die Braunsbacher Wäschefabrik der Familie Pößnecker. Bis 1964 war das Grundbuchamt die Braunsbacher Poststelle. Heute wird das große rote Gebäude als Wohnhaus, Telekom-Vermittlungsstelle und NSU-Quickly-Museum  genutzt.

Nach der Sturzflut 2016 hatte die Volksbank dort kurzfristig ihre Geschäftsstelle. Für die jetzigen Eigentümer Werner und Doris Friedl, die in Kupferzell leben, ist das Gebäude ein wichtiger Bestandteil ihrer Familiengeschichte. Wenn Werner Friedl im Treppenhaus die knarrenden Stufen der alten Pitchpine-Holztreppe in die oberen Stockwerke steigt, erinnert er sich:  „Hier haben mein Vater und ich oft Wettrennen gespielt.“

Bis 1970 gab es im „Engel“ noch eine Gastwirtschaft, die Werner Friedls Tante führte. Zur Wirtschaft gehörte eine Esso-Tankstelle. Der große Saal im ersten Stock, wo einst Hochzeiten, Konfirmationen und andere Familienfeste gefeiert wurden, hat noch seinen Original-Pitchpine-Boden. Auch die Wandtäfelungen aus Holz sind noch original. In dem 96 Quadratmeter großen Raum wohnen und lernen heute die Söhne der Friedls, Felix und Hannes, für ihr Studium. Auch Tochter Maike komme gern in den Engel zurück, berichtet Doris Friedl.

An die Zeit als Gaststätte erinnern ein Stammtisch, Stühle der Haller Löwenbrauerei oder eine Chippendale-Kommode. Der ehemalige kleine Saal im ersten Stock ist heute ein Lagerraum. Darunter war einst die noch erhaltene Küche der Gastwirtschaft. Sie gehört heute zu einer Mietwohnung. „Die Speisen wurden mit einem handbetriebenen Aufzug nach oben transportiert“, erzählt Werner Friedl. An die Gasthofzeit erinnern ebenfalls zwei tiefe Gewölbekeller. Der größere war der Wein- und Bierkeller, wie alte Holzfässer und ein Eiskeller mit dicker Holztüre zeigen.

Eine nostalgische Ausstellung, die Familie Friedl an Pfingsten mit vielen Erinnerungsstücken aus der Geschichte des Gasthauses Engel-Post an zwei Tagen veranstaltete, stieß bei der Braunsbacher Bevölkerung und Besuchern auf großes Interesse.

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