Sulzbach-Laufen / Gaildorf Ganovenschreck und Lebensretter

Sulzbach-Laufen / Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 20.07.2018
Das Limpurger Land trauert um ein Original in Uniform: Oberkommissar Michael Mottl (1947-2018). Der beliebte Polizist, Menschenfreund und Förderer der Jugend hinterlässt viele Lücken.

Verschmitzt lächelt der Mann mit dem ergrauten Rauschebart, als er Ende April 2007 im Kreis der Kollegen in den Ruhestand verabschiedet wird: „Ihr werdet Mottl nicht vergessen!“ Er erntet zustimmendes Nicken, auch von seinem Chef, dem damaligen Leiter der Polizeidirektion Schwäbisch Hall, Günther Freisleben. Der lässt ihn ungern ziehen, denn er weiß: Oberkommissar Michael Mottl aus Sulzbach-Laufen, gerade 60 Jahre alt geworden, wird eine große Lücke hinterlassen …

Schrecken der Gesetzesbrecher

Die größte und nicht zu schließende Lücke müssen nun, etwas mehr als elf Jahre später, Angehörige, Freunde und Bekannte verkraften: Michael Mottl ist tot! Er starb am 9. Juli unerwartet im Alter von 71 Jahren. Was ihnen und vielen Menschen im Limpurger Land bleibt, ist die Erinnerung an einen geradlinigen, strengen, aber fairen Polizisten, dem Sicherheit und Wohlergehen aller Bürger, so pathetisch es klingen mag, am Herzen lagen.

Seit 1984 bis zum Ende seiner Laufbahn arbeitete Michael „Mike“ Mottl im Team des Polizeipostens Gaildorf. Akribisch ermittelte er die Ursachen ungezählter Unfälle. Er jagte und schnappte Verbrecher und wurde durch seinen ausgeprägten Spürsinn bald zum „Schrecken aller Ganoven“, wie es einer seiner Vorgesetzten einmal formulierte.

Auf Umweg zum Ordnungshüter

Mehr noch: Ob in Uniform oder in Jeans und T-Shirt – Mottl auf Fußstreife war bald Teil des Stadtbilds. Hier ein Schwätzle auf dem Wochenmarkt, dort ein lauter Ordnungsruf, wenn es ein Autofahrer    gar zu eilig hatte. Und wenn sich eine betagte Dame nicht über die viel befahrene Bahnhofstraße traute, hielt er, ganz Kavalier der alten Schule, kurzerhand den Verkehr an.

Nach seiner Schulzeit hatte Michael Mottl zunächst andere berufliche Pläne. Er ging zur Post und absolvierte ab 1961 eine dreijährige Lehre. Nach deren Abschluss wollte er doch lieber Polizist werden. Auf die Grundausbildung bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen folgte ein Einsatz beim Polizeirevier in Esslingen. 1972 wechselte er zum Streifendienst nach Schwäbisch Hall, zwölf Jahre später zum Polizeiposten Gaildorf. Ein Angebot der damaligen kommunalen Polizei in Stuttgart schlug er aus.

Im Limpurger Land sorgte er in der ihm eigenen Art  für Sicherheit. Festnahmen der Marke Mottl sind legendär. Eine hatte sich nicht nur in der Unterwelt wie ein Lauffeuer verbreitet: Ein sportlicher Räuber, der sein Heil in der Flucht suchte, wähnte sich schnell genug, um der Polizei zu entkommen.  Plötzlich bemerkte er neben sich einen locker sprintenden Uniformierten, der ihn auch noch höflich fragte, warum es „der Herr“ eigentlich so eilig habe und wo er denn hinwolle. In Sekundenschnelle lag der Flüchtende erschöpft auf dem Boden, ordnungsgemäß mit Handschließen gefesselt.

Das kam nicht von ungefähr. Michael Mottl war einer der besten Polizei-Leichtathleten im Land. Über die Laufdistanzen 100 und 400 Meter sorgte er gar als drittschnellster Polizist Deutschlands für Aufsehen.

Ertrinkende gerettet

Wobei ihm, der sich nie als Karrierist hervortat, derlei Prädikate nicht viel bedeuteten. Stattdessen instrumentalisierte er seine Fähigkeiten, um anderen zu helfen. Ohne das alles an die große Glocke zu hängen. Mehrmals war er zum Lebensretter geworden: In Esslingen beispielsweise hechtete er in den Neckar, um einen Ertrinkenden zu retten, später in Gaildorf sprang er aus gleichem Anlass in den Kocher. In beiden Fällen erfuhr die Öffentlichkeit nur das Nötigste – um die Betroffenen zu schützen.

Unkonventionell auch seine Vernehmungen: Sein aufmerksamer, fast bohrender Blick genügte oft, um die Wahrheit zu erfahren. Oder – klare Ansage – die berühmten fünf Worte: „Lügen Sie mich nicht an!“ Mottl, von einem geläuterten Verkehrssünder einmal als „personifizierter Lügendetektor“ bezeichnet, war eine Respektsperson – sogar bei Jugendlichen. Eine Standpauke aus seinem Mund und eine eindringliche Ermahnung wirkten oft Wunder. Nicht wenige, die es ihm später auch dankten, holte er von der „schiefen Bahn“.

Früh hatte der Familienvater Michael Mottl erkannt, dass nicht nur Repression, sondern auch Prävention wichtig sind, um eine Gesellschaft im Lot zu halten. Neben vielen Theoretikern war er einst der erfahrenste Pragmatiker am runden Tisch, an dem um Konzepte gegen die Jugendkriminalität in Gaildorf gerungen wurde. Er fesselte die Runde mit seinen Erfahrungsberichten, er mahnte die Verantwortlichen zu mehr Fürsorge in der Jugendarbeit, zu mehr Empathie.

Gefragter Ratgeber

Auch im Ruhestand war Mottl, dessen hoher Bekanntheitsgrad manchen der Honoratioren im Limpurger Land erblassen ließ,  ein gefragter Sicherheitsexperte. Der Rat des Ehemanns und zweifachen Familienvaters, des erfahrenen Hundesportlers und Naturfreundes, Vereineförderers und Fußballtrainers, vorausschauenden Zeitkritikers und begeisterten Binokel-Spielers war bis zuletzt gefragt und geschätzt …

Michael Mottl sollte recht behalten mit seiner Ansage zum Eintritt in den Ruhestand: „Ihr werdet Mottl nicht vergessen!“

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