Oft, sagt Martin Bohn (60), habe er in der Vergangenheit „am Herrgott gezweifelt“ – dann, wenn es im Zusammenhang mit grausamen Bluttaten auf das „Warum“ nicht den Ansatz einer Antwort gab. Bohn ist seit mehr als 42 Jahren Polizist. Am Dienstag fuhr der Kriminalhauptkommissar, der im Gaildorfer Teilort Münster daheim ist, zum letzten Mal in sein Stuttgarter Büro, die „Inspektion 610“ beim Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg. Dort hatte er in den vergangenen sieben Jahren in der 1960 als Sonderkommission gegründeten „Ermittlungsgruppe Nationalsozialistische Verbrechen“, kurz NSG, gearbeitet.

Martin Bohn sieht eine historische Verantwortung, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen

Obwohl er sich auf den Ruhestand freut, schaut er am Ende seiner beruflichen Laufbahn – mit dem Abschied von den Kollegen und der Rückgabe seiner Dienstwaffe – auch mit Wehmut zurück. Sicher, sagte er vor seinem letzten Arbeitstag, werde dabei die eine oder andere Träne fließen. Das ist die private Seite des Abschieds. Die berufliche wird ihn auch künftig umtreiben. Weil die Stimmen sich mehren, man solle die Nazi-Vergangenheit alter Männer endlich ruhen lassen. Denen wird er energisch widersprechen mit dem Hinweis auf „unsere historische Verantwortung und Pflicht“, auch von den „letzten noch lebenden Tätern die Wahrheit über das Vernichtungsgeschehen zu erfahren“ und zumindest „eine Entschuldigung zu hören“, wie er es im Interview mit dem LKA-Magazin „Innenansicht“ formuliert. „Mord“, sagt Bohn, „verjährt nicht. Auch nicht nach über 70 Jahren!“

Und selbst dann nicht, wenn die Akten geschlossen werden. Für immer, weil die mutmaßlichen Täter nicht mehr leben. Oder wie in Bohns letztem Fall: Ein Beschuldigter, weit über 90 Jahre alt, konnte nicht angeklagt werden, weil er „verhandlungsunfähig“ war. Bohn geht davon aus, dass es keine weiteren Fälle mehr geben wird. Neue Ermittlungsansätze? Fehlanzeige. Mit seinem Ausscheiden werde wohl auch die NSG „ein Ende haben“.

Was in jüngster Zeit noch verfolgt wurde, waren „die unteren Ränge der Wachmannschaften“ in den Konzentrationslagern. Mehrmals war er deswegen in Ausch­witz, um zu recherchieren. Jedes Mal habe er die Erkenntnis gewonnen: „Es müssen alle angeklagt werden“ – alle, die auch Beihilfe zum Mord geleistet haben.

Der Nazi-Jäger beobachtet ein Klima der Verdrängung

Dass erst mit dem Demjanjuk-Urteil im Jahr 2011 ein Umdenken einsetzte, der Beihilfe-Aspekt neu definiert wurde, ist für Bohn unfassbar – vor allem das „Klima der massiven Verdrängung“ in den Jahrzehnten seit Ende der Nazi-­Diktatur. Politik, Justiz und Gesellschaft hätten sich nicht mehr mit dem Unrecht im Zusammenhang mit dem Holocaust auseinandersetzen wollen, „niemand wollte von den Verbrechen gewusst haben“.

Die vielen Vernehmungsprotokolle, die er geführt hat, dokumentieren grausame Einzelheiten, sprechen eine andere Sprache: Vielen der Helfershelfer des NS-Regimes sei durchaus bewusst gewesen, „dass in Ausch­witz täglich unschuldige Menschen in den Gaskammern getötet und erschossen wurden“. Sie hätten nicht nur einer verbrecherischen Organisation angehört, „sie haben sich selbst an den Verbrechen beteiligt“. Deshalb seien Prozesse gegen solche Menschen – die gleichwohl selber auch Opfer gewesen seien – das Mindeste, was eine Gesellschaft tun müsse, um den unzähligen Opfern „zumindest ein klein wenig Gerechtigkeit zu verschaffen“.

Was er nicht verstehen kann: Ein Mensch in hohem Alter „kann doch eingestehen, dass er Fehler gemacht hat und bereut“. Aber das kommt „leider nicht über die Lippen der Beschuldigten“.

Schon als Schüler hatte sich Martin Bohn für die Materie interessiert. Auf die Berufswahl des jungen Mannes sollte sich das aber zunächst nicht auswirken. Er absolvierte eine Kaufmannslehre – ohne konkrete Perspektive. Nach der Ausbildung, inzwischen 17 Jahre alt, bewarb er sich bei der Polizei, bestand die Aufnahmeprüfung und durchlief sämtliche Sparten von der Bereitschaftspolizei bis zum Streifendienst. Schließlich wechselte er Anfang der 1980er-Jahre zur Kriminalpolizei nach Waiblingen, wo er hauptsächlich Betrugsdelikte zu bearbeiten hatte, aber auch Bereitschaftsdienst leistete. Ermittlungen im Zusammenhang mit Wirtschaftsdelikten größeren Ausmaßes zählten ab 2003 zu seinem Aufgabengebiet bei der damaligen Landespolizeidirektion, ehe er 2008 zum LKA wechselte und dort 2012 zur NSG.

Bohn hat sich in 42 Jahren Dienstzeit kein „dickes Fell“ zugelegt

Eine Polizei-Karriere, die abwechslungsreicher, spannender nicht sein könnte. Mit dem Habitus des typischen „Fernseh-Bullen“ indes hat Bohn, ein hohes Maß an Dienstbeflissenheit ausgenommen, nicht ansatzweise etwas gemein. Wenn er über das spricht, was ihm in all den Dienstjahren an die Nieren gegangen ist, über grausam zugerichtete Mordopfer oder über Besuche bei Menschen, denen er nach einem Suizid die Todesnachricht überbringen musste, geht er nicht ins Detail. Die Lust an der Sensation ist ihm fremd geblieben. Der Respekt gegenüber den Betroffenen, deren Würde – das ist für ihn unantastbar. Die furchtbaren Geschichten nahm er gedanklich mit in den Feierabend. Und nun nimmt er sie mit in den Ruhestand. Auch die schwierigste aller Fragen – die nach dem „Warum“! Die Angehörigen Betroffener wollten Antworten – die er nicht immer zu geben vermochte.

Ob er sich in den 42 Dienstjahren ein „dickes Fell“ zulegen konnte? Martin Bohn hält nur kurz inne: „Nein!“ Viele Gewalttaten werden im Gedächtnis haften bleiben. Viel Selbstdisziplin setzte er während seines Berufslebens dagegen. Er arbeitete hart. Spätestens um sechs Uhr in der Frühe war für ihn, der täglich pendelte – im Winter mit der Bahn, im Sommer mit dem Motorrad – Dienstbeginn. Dennoch war und ist sein Privatleben, das er weitgehend in den Dienst der Allgemeinheit stellt, ungemein vielfältig. Zusammen mit seiner Frau Gisela, die in einer Klinik arbeitet, zählt er zum Kern derer, die vor 16 Jahren das Gaildorfer Kino vor dem Aus bewahrt haben. Bohn ist als Vorstandsmitglied des Vereins Sonnenlichtspiele für die Filmdisposition verantwortlich. Er arbeitet in der Flüchtlingshilfe mit, ist bei „Gaildorf hilft Afrika“ aktiv und weiß aus eigener Anschauung, dass die Hilfe aus dem Limpurger Land ankommt, Gutes bewirken kann.

Als Spielwiese zur Selbstverwirklichung sieht er dieses Engagement nicht. Auch nicht den Schritt in die Politik. Seit wenigen Jahren ist Martin Bohn SPD-Mitglied. Auf der Liste SPD/Aktive Bürger schaffte er bei den Kommunalwahlen den Wiedereinzug in den Gaildorfer Gemeinderat. Seine Politisierung sieht er pragmatisch: Er macht sich große Sorgen mit Blick auf das Wiedererstarken dumpfer völkischer Tendenzen, eine zunehmende Aggressivität innerhalb der Gesellschaft, in der verstärkt NS-Verbrechen relativiert werden. „Wir alle müssen jetzt hinstehen“, sagt er, „dem rechten Geist entgegentreten und Flagge zeigen“. Mit Vorträgen an Schulen wollte er dem schwindenden Interesse junger Leute an demokratischen Wahlen begegnen, der Politikverdrossenheit.

Der Zug nach Tibet wartet

So sehr ihm die Jugend am Herzen liegt, so gern setzt sich Bohn auch für Senioren ein. Dazu zählen Vorträge zum Schutz älterer Menschen gegen Kriminalität. Oder die monatlichen Kino-Nachmittage im Graf-Pückler-Heim.

Im Ruhestand will Martin Bohn sein ehrenamtliches Engagement verstärken, aber auch ein wenig mehr an sich selber denken: Ende September steht die Teilnahme am „Lauf geht’s!“-Halbmarathon der Südwest Presse in Ulm auf dem Programm. Für Oktober plant er eine Radtour durch Deutschland – von Flensburg bis Gaildorf. In Planung ist auch eine Fernreise: In zwei Jahren soll es nach Tibet gehen – mit dem Zug über Moskau und Peking.

Dass sich dann jemand um seine Bienen kümmert, denen er im heimischen Garten ein wahres Paradies eingerichtet hat, versteht sich. Seit drei Jahren ist er begeisterter Imker. Wenn er die Tiere am selbst gebauten Bienenstand beobachtet, kommt er zur Ruhe, wird nachdenklich: „40.000 Bienen – und alle kommen miteinander klar. Das fasziniert mich!“

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Polizist, Stadtrat, Kinomacher, Flüchtlingsbetreuer, Sportler, Imker und mehr


An Silvester des Jahres 1958 wird Martin Bohn in Backnang geboren. Er wächst in Auenwald-Hohnweiler auf. Nach der Hauptschule absolviert er eine Kaufmannslehre. Den Abschluss in der Tasche, wechselt er das Metier: Zum 1. September 1976 tritt Martin Bohn nach bestandener Prüfung in den Dienst der Polizei Baden-Württembergs. Nach drei Jahren Bereitschaftspolizei und vier Jahren Streifendienst in Backnang wechselt er zur Kriminalpolizei nach Waiblingen, 2003 zur Landespolizeidirektion. Seit 2008 arbeitet er beim Landeskriminalamt, die letzten sieben Jahre in der Ermittlungsgruppe „Nationalsozialistische Gewaltverbrechen“. Zum 1. August tritt er in den Ruhestand. Martin Bohn lebt mit seiner Frau Gisela seit 1992 in Gaildorf-Münster. Er ist in zahlreichen Ehrenämtern aktiv, etwa als Vorstand und Filmdisponent im Kinoverein Sonnenlichtspiele, bei der Initiative „Gaildorf hilft Afrika“, in der Flüchtlingshilfe und als SPD-Stadtrat. In seiner bislang knapp bemessenen Freizeit ist er sportlich aktiv und widmet sich seinen Bienen.