Eine fidele Gesellschaft ist um den Gartentisch der Familie Scherer in Schwäbisch Hall versammelt. Man versteht sich prächtig – obwohl die deutsche und die italienische Familie sich eine Stunde zuvor noch nicht kannten. Die Kinder spielen miteinander, eine Freundschaft entsteht, ein Gegenbesuch in Rom wird geplant.

Begonnen hat das alles mit einer Flaschenpost – ein sympathisch altmodisches Instrument der Kommunikation. Wurden solche Botschaften früher wohl oft aus reiner Verzweiflung als Hilferuf in die Weite des Meeres geschickt, so hat es Line Scherer aus Hall Riesenspaß gemacht: einen Brief an die unbekannten Empfänger zu schreiben, die Flasche gut verkorkt mitten auf dem Meer von der Fähre zu werfen, die von Korsika nach Genua fuhr – und gespannt abzuwarten, ob etwas passieren würde. Die Eltern haben daran eher nicht geglaubt.

Römer mit deutschem Opa

Aber fünf Wochen später war eine nur schwer verständliche Botschaft auf dem Anrufbeantworter, in der die Wörter „Flasche gefunden“ vorkamen. Die Rufnummer zeigte, dass der Anruf aus Italien kam. „Meine Frau kann ein bisschen Italienisch, aber wir haben uns nicht getraut, zurückzurufen“, berichtet Lines Vater Oliver Scherer. Lines Patenonkel ist Italiener, der sollte den Kontakt aufnehmen.

Doch wenig später kam noch ein Anruf, diesmal auf Deutsch, und dann war klar: Die Flasche war nicht nur gefunden worden, sondern sie ist zufällig sogar in die Hände von italienischen Jugendlichen geraten, die einen deutschen Opa haben. Den besuchen sie derzeit in Geislingen an der Steige und haben von dort einen Abstecher nach Hall gemacht, um Line ihre Flasche zurückzubringen.

Wie war Line denn auf die Idee gekommen, eine Flaschenpost ins Meer zu werfen? „Meine Freundin hat mal eine gefunden, und da wollte ich das auch machen“, erzählt das muntere Mädchen, das demnächst in die dritte Klasse an der Haller Rollhofschule kommt.

Sie habe dieses Vorhaben sehr zielbewusst verfolgt, berichten die Eltern. Als sie am Ende des Korsika-Urlaubs auf dem Campingplatz das Altglas wegbringen sollte, hat sie sich aus dem Container eine schöne Flasche mit Korken geholt. „Diese mit ins Gepäck zu bekommen, war nicht leicht“, sagt Mama Sarah Scherer. „Olli packt immer das Auto, und da schmeißt er alles Unnötige raus. Aber Line hat gut aufgepasst und gesagt: ,Ich muss die Flasche mitnehmen.‘“ Dann hat sie den Brief geschrieben. Er ist super gelungen: Die Schrift ist sehr gut lesbar, alles Wichtige steht drauf. Und die Finder haben die freundliche Ansprache „Ich habe dir die Flaschenpost geschickt das ich dich ein bischen kennen lerne (...) Falls du mich mal sehen willst kannst du mich mal besuchen“, wörtlich genommen.

Nun sind Julian (14) und David (12) Pollak bei den Scherers im Garten und berichten mit Übersetzung ihres Vaters Stefan, dass sie die Flasche nicht etwa von einem Strand aufgesammelt, sondern mitten aus dem Meer gefischt haben. Sie waren mit einer Segelfreizeit für zwei Wochen auf dem Mittelmeer unterwegs. Eine Betreuerin der 27 Jugendlichen, die auf drei Boote verteilt waren, hat die Flasche zuerst gesehen. Das war in der Nähe der kleinen Insel Capraia nördlich von Elba.

„Da stand was von Schwäbisch“

Julian und David sahen schnell, dass da was von „Schwäbisch“ stand. Der Skipper hat noch vom Boot aus bei den Scherers angerufen – das war die Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Er hat übrigens geschätzt, dass die Flasche etwa zwei Monate im Wasser gewesen sein könnte. Er schloss dies aus dem Grad, in dem der Korken verschimmelt war. Und er lag nicht weit daneben: Line hatte die Flasche am 20. Juni ins Meer geworfen, und die Seglergruppe hat sie am 24. Juli wieder rausgezogen. Dazwischen liegen fast genau fünf Wochen.

Am Abend haben die Jungs am Telefon ihren Eltern begeistert berichtet: „Heute ist ein Bombentag! Wir gehen Pizza essen, und noch besser: Wir haben eine Flaschenpost gefunden.“ Stefan Pollak hat dann Kontakt nach Hall aufgenommen.

Und nun sind alle im Garten versammelt: Line und ihre fünfjährige Schwester Nava sowie Sarah und Oliver Scherer, Julian und David und deren Eltern Linda Cicalini und Stefan Pollak, und auch der 81-jährige Opa Gottfried Pollak ist mitgekommen. Sie haben vorher Hall angeschaut und die Kunsthalle Würth besucht. Und vielleicht werden sie bald den Scherers Rom zeigen. In jedem Fall wird diese Begegnung allen Beteiligten immer in froher Erinnerung bleiben.

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