Schwäbisch Hall Freilichtspiele: Bösewicht trinkt Tee

Schauspieler Thomas Klenk freut sich schon sehr darauf, Hermann Gessler auf der Großen Treppe zu spielen.
Schauspieler Thomas Klenk freut sich schon sehr darauf, Hermann Gessler auf der Großen Treppe zu spielen. © Foto: Maya Peters
Schwäbisch Hall / Maya Peters 05.06.2018
Thomas Klenk verkörpert auf der Großen Treppe im Stück „Wilhelm Tell“ Hermann Gessler, Tells großen Gegenspieler. Zuletzt stand er vor 22 Jahren unter Intendant Achim Plato auf den Stufen.

Der sympathische, ruhig wirkende Mann nimmt einen Schluck Pfefferminztee. Thomas Klenk, meist Tom genannt, spielt in dieser Freilichtspielsaison „den Gessler“. Einen spätestens mit Schillers Klassiker sprichwörtlich gewordenen Bösewicht und Tyrannen, den Gegenspieler von Freiheitskämpfer Wilhelm Tell.

„Für mich ist er ein Mensch, der auf rigorose Art und Weise seiner Pflicht nachgeht“, charakterisiert er seine Rolle. Macht- und Besitzstandswahrung für den Kaiser treffen bei dem Stück auf die Geschichten von Menschen. „Ich muss meine Figur doch verteidigen“, schmunzelt Klenk. Vor vier Wochen haben die Proben für „Tell“ begonnen. Auch am Staatstheater Nürnberg habe er vor rund eineinhalb Jahren bereits Hermann Gessler gespielt. „Doch da bin ich zehn Tage vor der Premiere für einen Kollegen eingesprungen, das war eher eine Art Übernahme“, erzählt der Schauspieler.

Umso schöner, dass er mit der Rolle nun wirklich arbeiten könne. Denn die „Heutigkeit“ am „Tell“ interessiere ihn sehr. Was in der Umbruchsituation passiere, in der kein Stein auf dem anderen bleibt, sei die Frage im Stück. Und was es mit der Gesellschaft mache, wenn einer „nur“ seine Befehle ausführt.

In einem kleinen Haller Café erzählt Tom Klenk aus seinem Theaterleben. 1982 habe er als Student den „Tasso“ auf einer Studiobühne in Paderborn gespielt. „Da habe ich gewusst, dass mich das Theater anzieht“, erinnert sich Klenk. Nebenbei nahm er deshalb Gesangs- und Sprechunterricht, studierte aber Germanistik und Soziologie. Nach dem Wechsel an die Uni Freiburg wurde er nach seiner Studententheaterinszenierung „Die Dreigroschenoper“ entdeckt und gefördert. 1986 musste sich der Student zwischen dem Magistertitel und den Brettern, die die Welt bedeuten, entscheiden.

Er nahm den Elevenvertrag am Stadttheater Heilbronn an. „Sechs oder sieben Rollen und Premieren hatten wir“, erinnert er sich an die Intensität des ersten Jahres, parallel dazu musste er für die paritätische Bühnenreifeprüfung lernen. Der Ruf an das Schauspiel Bonn, damals noch Bundeshauptstadt, bezeichnet er als „das große Glück“.

Mit Gerhart Hauptmanns Stück „Rose Bernd“ unter Regie von Valentin Jeker wurde Klenk 1999 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. So werden die zehn bemerkenswertesten deutschsprachigen Inszenierungen der Saison ausgezeichnet. Später wechselte er an das Staatstheater Wiesbaden und 2006 nach Nürnberg ans Staatstheater. „Ich wollte nochmals eine andere Stadt kennenlernen und neue künstlerische Begegnungen haben“, erläutert er.

Bei den Gandersheimer Domfestspielen habe er 2014 die Carlo-Goldoni-Komödie „Sommerfrische“ inszeniert. Seitdem sei er in Kontakt mit dem früheren Bad Gandersheimer, jetzt Haller Freilichtspiel-Intendanten Christian Doll geblieben. Im Winterprogramm der Freilichtspiele 2017 trat er bereits mit der Lesung des Kurzromans „Frühstück bei Tiffany“ auf. „So was mache ich unglaublich gerne, auch wegen der Nähe zum Publikum“, denkt er an ein zweites künstlerischen Standbein. Denn mit Saisonende 2018 endet sein Vertrag in Nürnberg durch einen Intendantenwechsel.

Theater tut den Menschen gut

Der Schwäbisch Haller Theaterneubau auf dem Unterwöhrd sei eine einmalige Chance. „Ich werbe sehr dafür“, lächelt Schauspieler Thomas Klenk. Bei einer Podiumsveranstaltung in der Haalhalle habe er im Winter vergangenen Jahres eine Richard-Weizsäcker-Rede zur Rolle der Kultur und des Theaters vorgetragen. „Das Projekt finde ich ganz großartig.“ In Städten mit Theater seien die Menschen insgesamt zufriedener. „Hall hat sich von Ambiente und Stimmung her sehr verändert“, findet Klenk.

Bereits 1995 und 96 stand er – damals noch unter Intendant Achim Plato – auf der Treppe. Die Stadt und die Menschen seien deutlich aufgeschlossener als damals. „Ich mag es hier sehr, wenn man das nach vier Wochen sagen kann.“ Selbst wenn er sich durch die doppelte Verpflichtung – noch habe er parallel in Nürnberg Vorstellungen – nicht die ganze Zeit in Schwäbisch Hall aufhalten könne. Was danach für Engagements kommen, weiß er nicht. „Doch eines schon: Die Menschen wollen wieder zurück zum Lagerfeuer, sie brauchen Geschichten abseits von den Medien, sie brauchen Theater“, so Thomas Klenk, der seinen Beruf liebt. Er freue sich auf die öffentliche Generalprobe am Freitag. „Wenn mir einer mit Bungeespringen kommt, sag ich immer: Spiel du mal eine Premiere, da hast du genügend Adrenalin“, scherzt er. Zusätzlich habe er auf der Treppe vor Wind und Regen Respekt, denn als langjähriges Ensemblemitglied kenne er das so nicht. „In einem Theaterbau ist immer alles, wie abgemacht.“

Nie eine Schauspielschule besucht

Thomas Klenk wurde 1962 in Paderborn geboren und hat einen Bruder. Schon in der Schulzeit spielte er Theater. Nach dem ersten Studienjahr Germanistik und Soziologie wechselte er 1982 nach Freiburg. Dort wurde er durch seine Studententheaterinszenierung kurz vor Studienabschluss 1985 entdeckt und erhielt den baden-württembergischen Förderpreis. Der damalige Intendant des Staatstheaters Stuttgart, Hans-Peter Doll, verschaffte ihm einen Elevenvertrag am Stadttheater in Heilbronn. Innerhalb eines Jahres legte Thomas Klenk, der nie eine Schauspielschule besucht hat, die paritätische Bühnenreifeprüfung ab. Es folgten Engagements unter anderem in den Theatern Essen, Darmstadt, Hannover, Bremen, Dortmund, Bonn, Wiesbaden und seit 2006 am Staatstheater Nürnberg. Drei Jahre arbeitete er frei und war unter anderem unter Intendant Achim Plato 1995/96 bei den Freilichtspielen engagiert. 2018 spielt er erneut auf der Großen Treppe. Klenk ist geschieden und hat einen erwachsenen Sohn.

„Wilhelm Tell“ auf der Großen Treppe: Am 9. Juni ist Premiere, am 8. findet eine öffentliche Generalprobe statt. Weitere Vorstellungen sind am 10., 13., 14., 15. und 16. Juni sowie am 24., 25., 27. und 28. Juli, alle jeweils um 20.30 Uhr. may

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