Schwäbisch Hall Freilichtspiele stellen auf Theaterspaziergang fest: Abhörsicher ist nur der Dialekt

MONIKA EVERLING 03.08.2015
"Privatsphäre? Das ist doch total 90er!" Frau Müller vom BND weiß, wovon sie spricht. Überall wird abgehört und mitgelesen. Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall widmen sich dem Thema Spionage mit viel Witz.

Echte Pferde, Hunde, Kutschen, Autos - das gab es schon bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall. Der Theaterspaziergang 2015 übertrifft all das: Er beginnt mit der Landung eines Flugzeugs auf dem Flugplatz Weckrieden. Dem Flieger entsteigt Leutnant Sobinsky (Andreas Entner). Im Stück ". . . das ist hier die Frage", das Intendant Christoph Biermeier und Carola Söllner frei nach der Komödie "Sein oder Nichtsein" von Nick Whitby gestalten, hat er ein Rendezvous mit Maria Tura (Gordana Kikic), während deren Gatte (Björn Luithardt) gerade den "Hamlet" spielt. Die Schauspieler gehören im Zweiten Weltkrieg zur Widerstandsbewegung in Polen. Diese wird ausspioniert. Daraufhin spielen die Theaterleute dem Spion vor, sie seien Gestapo-Mitarbeiter.

Ein ernstes Thema, von Söllner und Biermeier sehr witzig inszeniert: Der Leutnant wird zum lebenden Hitler-Bild, das sogar tanzt. In dieser Szene kann man Andreas Entner als virtuosen Komiker bewundern, der Züge von Charlie Chaplins "großem Diktator" hat. Aber auch die anderen Darsteller erwecken Typen aus der NS-Zeit zum Leben, über die man heute gut lachen hat - und das tut das Premieren-Publikum ausgiebig.

Zentrale Figur im Haller Theaterspaziergang ist seit jeher der Akkordeonist und Lieder-Pfadfinder Ekki Busch. Um zu zeigen, dass die Geschichte in Warschau spielt, tritt er mit Perücke und dunkler Sonnenbrille als Heino auf und singt "In einem Polenstädtchen". Und nach der Szene geleitet er die Zuschauer mit Musik um die Flugzeughalle herum zum nächsten Schauplatz.

"Vorsicht, Trinkwasser!"

Dort geht es um den Kalten Krieg. Frei nach Woody Allens "Vorsicht, Trinkwasser!" muss der amerikanische Botschafter Magee in Moskau gerade dann auf Dienstreise gehen, als sich der Sultan von Bashir ankündigt. Magees tollpatschiger Sohn Alex übernimmt die Amtsgeschäfte. Dummerweise muss er einer amerikanischen Familie Asyl gewähren, die leichtsinnig im Sperrgebiet fotografiert hat und deshalb der Spionage verdächtigt wird. Kopf der Familie ist Walter Hollander, ein grober Typ. Er beleidigt den Sultan, versöhnt sich aber beim Wodka mit ihm - bis der Sultan unter dem Tisch liegt. Da hat Alex seinem strengen Vater einiges zu erklären.

Diese Geschichte hat Andreas Entner in Szene gesetzt, und er spielt auch drei Rollen. Björn Luithardt läuft als Alex zu großer komödiantischer Form auf. Gordana Kikic ist Hollanders Tochter ("ein Kaiserschnitt!", betont die Mutter, dargestellt von Renate Regel), und Ekki Busch ist ein glänzender Darsteller des unsensiblen Amerikaners.

Mata Hari ist wohl die bekanntestes Spionin der Weltgeschichte. Über ihre Rolle im Ersten Weltkrieg ist vieles Spekulation. Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall spekulieren in der Regie von Nellie Krautschneider heiter mit. Gordana Kikic ist eine schöne Mata Hari, die auch Sorgen und finanzielle Not kennt. Renate Regel spielt Mata Haris Vertraute Anna, und Andreas Entner, Björn Luithardt und Ekki Busch brillieren erneut in vielen Rollen, mit komischen Effekten und artistischen Auf- und Abgängen.

Lied löst alle Abhör-Probleme der Welt

Für diese Szene findet Ekki Busch den witzigsten Song des Abends: "Hö Hi Ho", das "Chanson des Monats" vom Juli 2013 von Thomas Pigor. Dieses Lied löst alle Abhör-Probleme der Welt: Wenn wir uns am Telefon im Dorfdialekt unterhalten, versteht uns der Geheimdienst sicher nicht. "Wo willste dann dei Hö hi ho?" Man kann nur vermuten, dass es da um Heu geht.

In der letzten Szene, "Die Spur des Spielers 2.0" von Christian Sunkel, tarnen sich sogar die drei ???, um nicht ausspioniert zu werden. Sie selbst spionieren Ekki Busch aus, der seinen eigenen Tod inszeniert hat, um ungestört in seinem Akkordeon-Koffer geheime Dokumente zu transportieren. Doch Frau Müller (Gordana Kikic) vom BND hat alles längst durchschaut.

Ihr imponieren die drei ???, und sie will sie für den BND abwerben. Die Jungs allerdings sind mit den Methoden des BND gar nicht einverstanden - an dieser Stelle ist jede Komik wie weggeblasen. Aber dann kriegt der Abend nochmal die Kurve mit einer originellen Merchandising-Szene: Die drei ??? bieten Ausrüstung für Hobby-Detektive an. Großer Beifall und "Zugabe"-Rufe fordern die Darsteller zu einem weiteren Lied auf.

Info Es gibt zwölf weitere Aufführungen auf dem Flugplatz Weckrieden sowie zwei Gastspiele in Vellberg. Alle Termine sind ausverkauft.