Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle  Uhr
Elton Johns und Tim Rice’s Musical-Fassung von „Aida“ ist ein eher belangloses Werk, das auf der Treppe dank herausragender Darsteller und toller Ausstattung sehens- und hörenswert wird.

Eine Bedienungsanleitung vorweg: Erstens liegt der Haufen gewaltiger Felsbrocken neben der stilisierten, goldenen Pyramide nicht nur auf Treppe herum, um die Szenerie zu füllen, sondern symbolisiert die karge, nubische Wüste. Wie eine Umfrage bei den Sitznachbarn ergab, herrscht über diesen Punkt keineswegs Klarheit. Der Programmflyer erteilt über solche Feinheiten keine Auskunft. Zweitens ist für den unvorbereiteten Zuschauer die Anfangsszene schwierig einzuordnen. Hiermit sei gespoilert: Bei der angedeuteten, touristischen Pyramiden-Führung in der Neuzeit handelt es sich um das Happy End. Und weil ein solches bei dem berühmten Drama um die unglückliche Königstochter Aida eigentlich ein totales Unding ist, verschließe drittens jedermann, der die gleichnamige, unsterbliche Verdi’sche Oper gesehen hat, die Erinnerung daran tief in seiner klassischen Seele und fange gar nicht erst mit dem Vergleichen an. Ein Disney-Musical, und um ein solches handelt es sich bei der neuen Produktion der Haller Freilichtspiele, darf einfach nicht schlecht ausgehen, da können die Liebenden am Ende so lebendig eingemauert werden wie sie wollen.

Mit diesem Wissen ausgestattet stehen einem wirklich atemberaubenden Freilichtspielerlebnis keine inneren Fragezeichen mehr im Weg, und man kann sich vom hingebungsvollen Spiel der durchweg anbetungswürdigen Darstellerinnen und Darsteller ebenso ungestört verzaubern lassen, wie von der atmosphärisch höchst raffinierten Licht- und Feuerkunst, die Uwe Grünwald arrangierte.

Eine Dreiecksbeziehung

Verbotene Liebe, Tatort, Sex and the City — es ist von allem eine kleine Portion drin in der Geschichte um eine Dreiecksbeziehung im Land der Pharaonen. Musikalisch werden Anteile von Rock, Pop, Blues, Reggae, Gospel und ein paar sparsam verteilte, orientalische Klänge verquickt. Alle Nase lang gibt es ein Wiederhören mit diversen Reinkarnationen von „Candle in the Wind“, weil Elton John beim Komponieren offenbar nicht so ganz aus seiner Haut heraus konnte. Das elfköpfige Premierenorchester unter der Leitung von Heiko Lippmann webt aus all dem virtuos einen prachtvollen Klangteppich, auf dem sich trefflich träumen lässt.

Bei den Freilichtspielen bekommen Sie Karten für die Aufführungen des Stücks. Karten bekommen Sie auch im HT-Shop.

Die eigentliche Story geht mit zwei Krachern los. Noch in ihrer Rolle als Fremdenführerin rockt Martina Lechner den Marktplatz mit einer Zusammenfassung der Vorgeschichte – der Plünderung Nubiens durch die ägyptische Armee – gefolgt von Heerführer Radames, der mit entblößter Heldenbrust und gewaltigem Lungenvolumen von seinen Siegen kündet. Er ist der Bachelor des Abends, der in der Folge gleich zwei Herzen erobern wird. Falls jemand grübelt, woher er diese Stimme nur kennt: Es klingt immer mal wieder ein bisschen Peter Maffay durch. Allerdings hat Rupert Markthaler zirka zwei Oktaven mehr und noch diverse zusätzliche Tonlagen drauf.

Die holde Aida (Kimberly Thompson) kommt zunächst recht kratzbürstig daher. Als nubische Prinzessin, die unerkannt unter die Beutefrauen der ägyptischen Soldaten geraten ist, denkt sie gar nicht daran, sich zu unterwerfen und geht einem der kriegerischen Herren bei der ersten Gelegenheit mit dem Messer an die Kehle. Es ist Liebe auf den ersten Stich, möchte man sagen, denn mit ihrer löwenmutigen Haltung nebst einem traurigen Lied über ihre ferne Heimat verdreht sie Radames umgehend den Kopf. Der mag ja in ihrem Land geraubt und gemordet haben, doch wie sich schnell herausstellt, ist der Warlord eigentlich ein herzensguter Kerl, der den versklavten Mädchen das Leben rettet und gerne bei einer Segeltour „in dem Zauber eines Augenblicks verschwinden“ möchte, am liebsten zusammen mit Aida. Dass diese ebenfalls nicht abgeneigt ist, zeigt sich spätestens in einem kleinen Dialog mit dem nubischen Diener und sympathischen Lebenskünstler Mereb (Silvio Römer). Radames habe sofort erkannt, dass sie, Aida, etwas besonderes sei, sagt der, und die störrische Schöne versetzt patzig: „Was dieser Radames versteht, kann man auf ein Sandkorn gravieren.“ Es sind Sätze wie diese, mit denen die ergreifend­sten Liebesgeschichten beginnen.

Mit der Rolle der Aida im neuen Musical der Freilichtspiele erfüllt sich für Kimberly Thompson ein Traum.

Ganz unverblümt in den attraktiven Helden verschossen ist Amneris alias Martina Lechner. Es heißt, Elton John habe die Figur seiner Freundin Lady Diana gewidmet, die bekanntlich zu spät feststellte, dass ihr Prinz bereits vergeben war – genau wie die Tochter des Pharaos. Auf die Bühne rauscht sie als klamottensüchtiges It-Girl, „unübertroffen an Schönheit, Zauber und Klimbim“, wie Mereb ihr versichert. Mit dem Song „Mein Sinn für Stil“ liefert sie ein kabarettistisches Highlight ab. Danach erliegt sie dem würdevollen Charme Aidas und mutiert im Laufe der Handlung von der zickigen Göre zur geläuterten Friedensbringerin.

Überwältigende Singstimmen

Den Bösewicht im Plot mimt wunderbar Andrea Matthias Pagani als Pharonen-Berater Zoser in Omar-Sharif-Kluft. Seine Gabe, die grausamen Augen bei Bedarf wie Scheinwerfer über den gesamten Platz leuchten zu lassen, wirkt ebenso fabel- wie rätselhaft. Zusammen mit Kimberly Thomposon, Martina Lechner und Rupert Markthaler ist er der Vierte im Bunde der überwältigenden Singstimmen, die der Aufführung aller Schwächen der Vorlage zum Trotz zu bemerkenswerter Qualität verhelfen. Im Duett mit Thompson läuft auch Chiara Fuhrmann als Sklavin Nehebka zu Hochform auf. Pharao Claudius Freyer und Raul Valdez als Aidas königlicher Vater Amonasro sind vom Typus her glänzend besetzt, treten indes nur wenig in Erscheinung.

Wilde Choreographien

Erst so richtig Schwung in die Sache bringen die zehn singenden und tanzenden Ensemblemitglieder, denen die aufwändigen, wilden, spannungsreichen Choreografien von Regisseur Christopher Tölle und Nigel Watson einiges abverlangen. Sie sind Krieger, Sklaven, Minister, nubisches Volk und sorgen nicht zuletzt dafür, dass fast schon monumental anmutende Chorpassagen das nächtliche Schwäbisch Hall aufhorchen lassen.

Kati Kolb gewandet die gesamte Darstellerriege schlicht und gleichzeitig souverän. Wie etwa Aida durch ein riesiges, blütenweißes Tuch für wenige Momente zur erhabenen Herrscherin über ihre Untertanen wird: absolut betörend. Die häufigsten Kostümwechsel und schrillsten Outfits vom überzeichneten Korsagengitzerkleidchen à la Paris Hilton bis hin zur edel-königlichen Robe hat logischerweise Fashion-Victim Amneris.

Angemessen schwülstig und, weil’s eben ein Musical ist, auch angemessen witzig, präsentieren sich die Texte, die im Original von Tim Rice stammen. Ein Spruch, mit dem die emanzipierte Frau echte Kerle begeistern kann: „Ich will dir meine Herbstkollektion zeigen.“ Ein Kompliment, mit dem jeder Mann auf der nächsten Grillparty bei der Damenwelt reüssieren wird: „Ich will für dich Tag für Tag ehrlich und gut sein.“ Und was so mancher Netzjunkie schon bei der verzweifelten Suche nach seinem verlegten Smartphone gedacht haben wird: „Auch wenn es viele hundert Leben dauert: Wir werden uns wiederfinden!“

Das Publikum bedankt sich bei den Akteuren mit einem Riesenjubel.

Info Weitere Aufführungen von „Elton John und Tim Rice’s AIDA“ sind am 16., 17., 18., 19., 20., 21., 23., 24., 25., 26., 27., 28., 30. und 31. Juli sowie am 1., 2., 3., 4., 6. und 7- August. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr auf der Großen Treppe.

Das könnte dich auch interessieren:

Diesen Donnerstag wird das diesjährige Crailsheimer Kulturwochenende eröffnet. Welche Veranstaltungen und Attraktionen auf euch warten, lest ihr hier.

Das Landratsamt mahnt: Fehlverhalten kann teuer werden. Im Teurershof wird verstärkt kontrolliert.