Der Radtourismus spielt im Landkreis Schwäbisch Hall zunehmend auch eine wirtschaftliche Rolle. Maßgeblich dazu bei trägt der Kocher-Jagst-Radweg. Die Radler übernachten in Hotels oder Pensionen und kehren in der heimischen Gastronomie ein. Die Touristiker im Landratsamt freut das, auch wenn sie keine konkreten Zahlen nennen können. Daneben nimmt die Zahl der Alltagsradler zu. Immer mehr Menschen nutzen, viele allerdings nur bei gutem Wetter, das Rad für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und Schüler fahren mit dem Draht­esel zur Schule. Aktuell hat das Radwegenetz im Landkreis eine Länge von 900 Kilometern, wie Steffen Baumgartner, Stabsleiter im Landratsamt, ausführt. Bis 2020 sollen 50 Kilometer, hauptsächlich Lückenschlüsse, hinzukommen.

Friedrich Zahn (65) aus Gaildorf-Bröckingen, Kreisrat der ÖDP, gehört wohl zu den eifrigsten Pedalrittern. „Im Jahr sind es so zwischen fünf- und zehntausend Kilometer, die ich mit dem Fahrrad zurücklege. Das ist eigentlich nichts Besonderes“, sagt Zahn. Allein die täglichen Alltagsfahrten von Bröckingen nach Gaildorf (hin und zurück etwa zehn Kilometer) oder zum Einkauf oder abends zu Veranstaltungen summierten sich auf rund 100 Kilometer pro Woche. Das seien allein schon vier- bis fünftausend Kilometer pro Jahr.

Schon seit seiner Schulzeit in Gelsenkirchen ist der pensionierte Lehrer überzeugter Radler. „Mir brachte das Rad ein Stück Freiheit: Man musste sich nicht in den überfüllten Bus zwängen und war nicht an einen Fahrplan gebunden“, beschreibt er die Vorzüge. Auch die Ölkrise in den 70er-Jahren hat sein Faible für die umweltfreundliche Mobilität verstärkt. „Für mich ist jede kurze oder längere Fahrradfahrt ein Stück Urlaub im Alltag. Ich bekomme den Kopf frei und nebenher ist es gut für die eigene Gesundheit und die Umwelt. Warum sollte ich also nicht Rad fahren?“, fragt er rhetorisch. Mindestens fünf „Alltagsfahrräder“ hat er, trotz guter Pflege und Wartung, verschlissen.

Selbst zu Kreistagssitzungen fährt der ÖDP-Mann mit dem Rad. „Wenn es zeitlich möglich ist“, schränkt er ein. Am Ziel gebe es meist eine Dusch- und Umkleidemöglichkeit. „Bei ganz schlechtem Wetter oder in der Nacht lässt sich die Rückfahrt meistens auch mit der Bahn verknüpfen, bei der im Kreis Hall, dank eines Kreistagsbeschlusses, die Fahrradmitnahme ganztägig kostenlos ist.“

Auf ein E-Bike ist Friedrich Zahn noch nicht umgestiegen. „Ich fahre noch per Muskelkraft, auch weil ich gegenüber einem normalen Pedelec schneller unterwegs bin. Nur an Steigungen sind Pedelecfahrer schneller und eine für den Sportler in mir durchaus erwünschte Herausforderung.“

Radwege entlang von stark befahrenen Straßen hält Friedrich Zahn nur für eine Notlösung. „Dreimal schon bin ich in meinem Radlerleben einem schlimmen Unfall nur knapp entgangen, als ein ins Schleudern geratenes Auto über den die Straße begleitenden Radweg rauschte und mich beinahe weggefegt hätte“, beschreibt er gefährliche Situationen. Aus seiner Sicht sollen Radwege so sein: schnell (ohne große Umwege und mit gutem Belag), sicher (mit Blick auf den Autoverkehr) und bequem (ohne große Steigungen und Stoßkanten). Das sei aber nicht immer und überall zu verwirklichen. Zwischen Gaildorf und Crailsheim wünscht er sich den Lückenschluss zwischen Winzenweiler und Mittelfischach. „Ein Ausbau des Kocher-Jagst-Radweges zwischen Gaildorf und Schwäbisch Hall entlang des Kochers und nicht über Berg und Tal wie zur Zeit. Das ist mein Traum“, sagt er. Die vom Landkreis,  Städten und Gemeinden geforderte Umsetzung des Landesradwegenetzes könne im Landkreis vielleicht neuen Schwung in die Planungen bringen. Auch der Ausbau eines durchgehenden alltagstauglichen Kreisradwegenetzes erfordere noch viel Aufmerksamkeit.

„Wo auf Landes- und Kreisstraßen viel Verkehr ist und keine Ausweichmöglichkeit für Radfahrer besteht, hilft in meinen Augen nur eine Temporeduzierung. An vielen Stellen wäre das auch ein Sicherheitsgewinn für den motorisierten Verkehr“, lautet sein Credo.

Diese Strecken sollen in den kommenden Jahren gebaut werden


Radwege, die im Jahr 2015 gebaut wurden: bei Kupfer im Gewerbepark; die Verbindungen Bibersfeld - Rieden, Gaildorf - Münster, Teilsanierung zw. Bröckingen und Sulzbach; Crailsheim - Rudolfsberg.

In diesem Jahr sind dran: Engelhardshausen - Wiesenbach; Wiesenbach - Brettheim; Bühlerzell - Heilberg; Fichtenberg - Plapphof; Finsterrot - Ammertsweiler.

In den nächsten Jahren folgen diese Wege: Mittelfischach - Oberfischach; Bächlingen-Oberregenbach; Hütten - Michelfeld; Rauhenbretzingen - Michelbach; Gaildorf - Rosengarten; Radwegbrücke bei Münster.

Für Radschnellverbindugen gibt es im Kreis Hall keine Planungen. Dafür kämen Strecken in Betracht, die ein hohes Radverkehrsaufkommen aufweisen und ein großes Verlagerungspotenzial vom motorisierten Individualverkehr erwarten ließen. „Derartige Rahmenbedingungen sind derzeit bei uns nicht gegeben“, so das Landratsamt. kor