Zwei junge Männer stehen am Mittwoch mit einer Wärmebildkamera vor einem Haus auf der völlig zerstörten Orlacher Straße. Beide tragen zu angemessenem schwerem Schuhwerk und stabilen Hosen blaue Polohemden mit einem Aufdruck, den man im Landkreis Schwäbisch Hall nicht vermuten würde: Universität Potsdam ist zu lesen. Das macht neugierig. „Wir kommen vom Institut für Erd- und Umweltwissenschaften“, erklärt der 30-jährige Geograf Benjamin Winter. „Mit einem Team aus Doktoranden untersuchen wir gerade die in Braunsbach entstandenen Schäden.“

Besonders interessiert die Wissenschaftler, wie hoch das Wasser an und in Häusern gestanden hat. Dabei soll die Wärmebildkamera helfen. „Genau können wir noch nicht absehen, wie weit die Bilder bei der Auswertung helfen werden“, erklärt Viktor Rözer, 28. Daher werden auch „normale“ Fotos von beschädigten Häusern gemacht und Fragebögen ausgefüllt. Dafür haben die insgesamt fünf jungen Forscher Tablets dabei, mit denen sie ihre Beobachtungen protokollieren. Als weiteres Messinstrument kommt ein Hand-Laser zum Einsatz, doch auch einen gewöhnlichen Zollstock haben die Doktoranden im Gepäck.

Extreme Naturereignisse unter der Lupe

Von Dienstag bis Mittwoch ist das Team in Braunsbach vor Ort gewesen. Ein weiteres Team hat sich schon am vergangenen Freitag und Samstag die nähere Umgebung angeschaut und untersucht. „Wir haben den Bürgermeister informiert und um Erlaubnis gebeten“, erklärt am Telefon Prof. Dr. Annegret Thieken, die als Sprecherin des internationalen Graduierten-Projekts „Natural Hazards and Risks in a Changing World“ (auf Deutsch „Naturgefahren und Risiken in einer sich verändernden Welt“) fungiert, für das die Wissenschaftler recherchieren. Ein Ziel des bis 2020 laufenden Projekts ist es, extreme Naturereignisse genauer unter die Lupe zu nehmen. „Es soll unter anderem untersucht werden, wie Menschen besser vor solchen Ereignissen gewarnt werden können“, sagt Thieken. Mit einer Auswertung der Ergebnisse aus Braunsbach rechnet die Professorin in den kommenden zwei Monaten. Dann soll ein Bericht veröffentlicht werden, auch auf Deutsch. „Unsere Forschungsergebnisse sind interessant für Versicherungen und Wasserbehörden“, erklärt sie weiter. „Wir entwickeln auch interdisziplinär mathematische Formeln, mit denen Schäden durch solche schlimmen Ereignisse wie das Unwetter in Braunsbach besser aufgenommen werden können.“

Im Vorfeld habe sie ihren Studenten auch eines mit auf den Weg gegeben: „Ihr müsst sensibel sein.“ Sie unterstreicht, dass bei der Veröffentlichung der Ergebnisse der Datenschutz gewährleistet sei, kein Haus werde identifizierbar sein. „Wer will, dem stellen wir auch gern die Wärmebildfotos zur Verfügung“, ergänzt Thieken.

Sensibel gehen die Wissenschaftler tatsächlich vor. „Sofern wir Hausbewohner antreffen, fragen wir, ob wir fotografieren können“, sagt der Geo-Informatiker Tobias Graf, 27. Wenn das abgelehnt wird, respektiere man das auch. Vorgekommen ist es aber noch nicht. Graf steht vor dem Haus der Familie Lechner. Hugo Lechner lässt die Forscher gern gewähren. „Das ist doch wichtig, dass das untersucht wird“, sagt der 70-jährige Braunsbacher. „Und das ist allemal besser, als die ganzen Fernseh-Teams, die hier herumschwirren.“ Die Forscher hingegen sind offensichtlich zwischen all den umherwuselnden Helfern und dem schweren Gerät, das immer noch pausenlos im Einsatz ist, gern gesehene Gäste. „Wir haben bislang nur positives Feedback aus der Bevölkerung bekommen“, bestätigt Graf. Er wünscht der Familie Lechner noch „Viel Glück“ und geht weiter zum nächsten Haus.

Zehn Minuten später steht das Team zusammen und schaut sich ein Areal genauer an. „Hier ist auch Öl im Wasser gewesen“, sagt Benjamin Winter. Das könne die Messungen beeinflussen und müsse gesondert erwähnt werden, klärt er auf. Sofort werden die Werte in die Tablets getippt. „Ich denke, dass wir bis Mittwochnachmittag alles aufgenommen haben“, sagt Jonas Laudan, 27.

So was wie in Braunsbach haben die Wissenschaftler noch nie gesehen, sagen sie unisono. „In dem Ausmaß kenne ich das nur aus Aufzeichnungen zum Beispiel aus den Alpen“, ergänzt die einzige Frau im Team, die Mathematikerin Kristin Vogel, 30. „Das war ein außergewöhnliches Ereignis. Man kann den Menschen hier nur viel Kraft wünschen.“ Dann schultert sie ihren Rucksack und schließt zu ihren Kollegen auf: Es gibt leider noch einiges an Schäden in Augenschein zu nehmen.

Info Mehr über das Forschungs-Projekt der Uni Potsdam gibt es im Internet unter www.natriskchange.de.