Ein Montageband in Schwäbisch Hall ist zumindest für einen Monat mit ­Arbeitern besetzt, die ­Recaro vom polnischen Standort Swiebodzin anreisen lässt. Das sind knapp mehr als 20 Beschäftigte. Schwer zu verstehen ist dies für Mitarbeiter des Haller Unternehmens, deren Zeitverträge auslaufen und nicht verlängert werden. Die Unternehmensführung verteidigt dieses Vorgehen.

Das Projektgeschäft mit ausländischen Kunden schwankt. Diese Situation gehört für den Flugzeugsitzehersteller zum bekannten Szenario. Doch derzeit fallen die Schwankungen möglicherweise stärker aus als in den Vorjahren, als das Wachstum des Unternehmens einen nahezu ungebremsten Verlauf nahm. Diese Schwankungen würden es erfordern, dass Recaro auch hinsichtlich des Personals „flexibel“ agiert.

Flugzeuge am Boden

Dass Kunden, das sind im Falle Recaros im Wesentlichen Fluggesellschaften auf der ganzen Welt, Aufträge zurückstellen, hat unterschiedliche Gründe. Dazu gehört, dass Maschinen des amerikanischen Herstellers Boeing vom Typ 737 Max derzeit nicht fliegen dürfen. Nach zwei schweren Unglücken wegen eines fehlerhaften Flugkontrollsystems sind deren Starts untersagt. „Dies ist aber nur einer von mehreren Gründen“, erklärt Joachim Ley. Der Manager verantwortet bei Recaro die Bereiche Produktkalkulation, Einkauf, die weltweite Auftragsverwaltung sowie Produktion. Auch das Produktionsaus des Airbus-Großflugzeugs A 380 dürfte sich bei den Zulieferern, also auch bei Recaro, bemerkbar machen.

In den zurückliegenden fünf Jahren habe Recaro in Hall seine Belegschaft im produzierenden Bereich um rund 15 Prozent aufgestockt. Unter den neu eingestellten Mitarbeitern seien auch ehemalige Leiharbeiter, die der Betrieb übernommen hat.

Dass jetzt nicht alle Mitarbeiter, deren Verträge auslaufen, unbefristete Verträge erhalten, räumt Joachim Ley ein. Das sei aber keine generelle Entscheidung. Er verteidigt den Einsatz der Mitarbeiter aus dem polnischen Werk in Hall. Dort ließe die Auftragslage diesen Transfer im Augenblick zu, während die Mitarbeiter in Schwäbisch Hall gebraucht würden.

Von Arbeitnehmerseite ist zu hören, dass Recaro versucht haben soll, weitere Zeitarbeiter ins Haller Werk zu holen. Der Betriebsrat habe dem aber nicht zugestimmt. Die Unternehmensführung bestätigt diese Darstellung nicht.

„Wir beschäftigen in Schwäbisch Hall 1400 Mitarbeiter. 235 davon gehören dem gewerblichen Bereich an. Das zeigt die Ausrichtung. Wir haben hier die Zentrale sowie unseren stärksten Standort für die Entwicklung“, gibt Joachim Ley zu verstehen.

Keinen Zweifel lässt der Recaro-Manager an der Bedeutung Schwäbisch Halls. Im Industriegebiet Stadtheide entwickelt sich Recaro erheblich weiter. „Space2grow“ – Raum, um zu wachsen – heißt das Programm. Das Unternehmen erwarb dafür unter anderem die Areale von Möbel As sowie Kaufland. In Schwäbisch Hall werde Recaro nach eigenen Angaben einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investieren. Neu bebaut wird dort eine Fläche von rund 45.000 Quadratmetern. Allein eine neue Versuchsfeldhalle ist mit 3200 Quadratmetern veranschlagt. Das Erweiterungsprojekt könnte zwischen 2023 und 2025 abgeschlossen sein.

Zweistelliges Wachstum

Recaro Aircraft Seating wächst seit rund 15 Jahren kontinuierlich zweistellig, doppelt so schnell wie der Markt. Zuletzt erreichte der Umsatz knapp 600 Millionen Euro. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mehr als 2600 Menschen, bis Ende des Jahres sollen es 3000 werden.

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Milliarden Flugpassagiere wird es gemäß einer Prognose im Jahr 2037 geben. Die Passagierzahl hätte sich in diesem Fall seit dem Jahr 2017 mehr als verdoppelt.