Viele Flüchtlinge haben auf ihrem Weg nach Europa auf dem Mittelmeer traumatische Erfahrungen gemacht. Schwimmen können viele nicht und die meisten haben nicht einmal Erfahrungen mit tieferen Gewässern. Kein Wunder, dass sie dann in Deutschland angekommen, Hemmungen haben, Schwimmbäder zu besuchen. Gerade bei jungen geflüchteten Frauen ist das oft der Fall. Aber auch Mädchen aus dem europäischen Ausland, die nach Deutschland gekommen sind, können damit Probleme haben. In manchen Ländern ist es unüblich, dass Mädchen schwimmen gehen – geschweige denn, dass es gemischte Schwimmbäder gibt.

Dem Thema hat sich jetzt Petra Hamm, Schulsozialarbeiterin des Landkreises am Haller Berufsschulzentrum, angenommen. „Eine junge Syrerin hat ihre Lehrerin angesprochen“, erzählt sie. „Sie würde so gern schwimmen lernen.“ Also hat Hamm für sechs Schülerinnen der VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) an der Kaufmännischen Schule erstmals einen Schwimmkurs organisiert. „Über den Freundeskreis Asyl habe ich Kontakt zu der freiberuflichen Schwimmlehrerin Bellinda Herrmann aufgenommen und mit dem Schenkenseebad in Hall alles Weitere geklärt.“ Für die Finanzierung hat sie den Förderverein der Kaufmännischen Schule und den Rotary Club Hall gewinnen können.

Der Kurs hat im März begonnen. Am Tag vor dem letzten Schultag sind die sechs Mädchen aus Syrien, Rumänien, Kurdistan, dem Irak, dem Kosovo und aus Eritrea im Alter zwischen 16 und 20 Jahren dann das letzte Mal mit ihrer Schwimmlehrerin ins Bad gegangen. „Sprachliche Barrieren hat es keine gegeben. Auch waren die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen für alle sehr lehrreich“, erzählt Hamm. „Es hat alles wunderbar funktioniert. Ich habe nichts Negatives gehört.“ Einmal in der Woche hat sie ihre Schützlinge für eine Stunde ins Bad zum Unterricht gebracht.

Der Kurs sei eine Herausforderung gewesen für die jungen Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern. „Aufgrund traumatischer Erlebnisse während der Flucht hatten einige beispielsweise Angst vor Wasser. Sie bestiegen als Nichtschwimmerinnen überfüllte Boote, die oft kenterten“, so Hamm. Bei drei der Mädchen vermutet sie, dass dies der Fall sei, „sie sprechen aber nicht darüber“. Heute seien die jungen Frauen stolz, die Angst vor dem Wasser überwunden zu haben und hätten große Freude am Schwimmen. „Dank der kompetenten Unterstützung durch die Schwimmlehrerin haben sie neues Selbstbewusstsein erlangt“, sagt die Sozialarbeiterin. „Das sind ganz tolle Mädchen, ich bin stolz auf sie.“ Die Mühen bei der Vorbereitung hätten sich allemal gelohnt.

Alle sechs haben das „Seepferdchen“ erworben. Die Deutsche Prüfungsordnung Schwimmen/Rettungsschwimmen verlangt für das Abzeichen einen Sprung vom Beckenrand und 25 Meter Schwimmen sowie das Heraufholen eines Gegenstands mit den Händen aus schultertiefem Wasser. „Am Ende konnten alle die grundlegenden Schwimmfähigkeiten erlernen, die man für einen Schwimmbadbesuch braucht“, freut sich Hamm. Eine der sechs habe auf das „Seepferdchen“ sogar noch den „Seeräuber“ draufgesetzt: Dafür werden 100 Meter Brustschwimmen und fünf Meter Streckentauchen mit anschließendem Herausholen eines Gegenstandes aus mindestens einem Meter Wassertiefe verlangt.

Sponsoren für das Schwimmprogramm sind willkommen

Hamm weiß noch nicht, ob und wann es den nächsten Schwimmkurs für junge Frauen mit Migrationshintergrund geben wird. Das hänge auch immer mit der Finanzierung zusammen. „Der Bedarf ist aber definitiv vorhanden“, sagt die Sozialarbeiterin. Sponsoren seien jederzeit willkommen.

Die sechs Mädchen haben die VABO-Klasse übrigens mittlerweile abgeschlossen. Vier von ihnen absolvieren jetzt eine zweijährige Ausbildungsvorbereitung dual, an deren Ende der Hauptschulabschluss steht. Eine besucht das sechsjährige berufliche Gymnasium an der Sibilla-­Egen-Schule, die Nächste beginnt eine Ausbildung. Zwei der jungen Frauen leben mit ihren Familien in einer Gemeinschaftsunterkunft, die anderen ebenfalls gemeinsam mit der Familie in Wohnungen.

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Ein Jahr intensiv Deutsch lernen


In VABO-Klassen erhalten Jugendliche mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen verstärkt Sprachförderung. Das Jahr schafft Übergänge in das reguläre berufliche Schulwesen und wird mit einer Deutschprüfung abgeschlossen.

Weitere Infos gibt es im Internet unter der Adresse www.schule-bw.de/themen-und-impulse/migration-integration-bildung/vkl_vabo/vabo