Schwäbisch Hall Filmdreh auf Comburg und Kocher - Hall Schauplatz für "Neuerfindung der Welt"

Schauspieler Daniel Arthur Fischer in der Rolle des Reformators Martin Luther. Bevor er mit dem Satan kämpft, beantwortet er auf der Comburg noch schnell einige Fragen der zahlreich erschienenen Medienvertreter.
Schauspieler Daniel Arthur Fischer in der Rolle des Reformators Martin Luther. Bevor er mit dem Satan kämpft, beantwortet er auf der Comburg noch schnell einige Fragen der zahlreich erschienenen Medienvertreter. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / SIMON KREUZER 08.12.2015
So gut besucht ist die Comburg in Schwäbisch Hall selten: Am Freitag wimmelt es dort von Kulissenbauern, Schauspielern und Maskenbildnern. Der Dreh des Arte-Projekts "Die Neuerfindung der Welt" beginnt.

Martin Luther tippt auf seinem iPhone. Ein Ritter in Jogginghose schlürft Kaffee und 1000 Watt starke Strahler beleuchten 1000 Jahre alte Gemäuer. Wer am Freitagnachmittag auf den Hof des Klosters Comburg tritt, fühlt sich wie im falschen Film. Mit einem Film hat die skurrile Collage aus Neu und Alt tatsächlich etwas zu tun: Die mittelalterliche Burg wird zum Set für eine Fernsehproduktion.

"Luther allein war uns zu abgedroschen"

"Die Neuerfindung der Welt" erzählt die Geschichte der Reformation - die sich 2017 zum 500. Mal jährt - und ihrer Folgen. Und sie stellt die Frage: Wo liegen die Verbindungen zwischen dem Beginn der Neuzeit und der Zeitenwende, wie wir sie heute erleben? So beginnt eine Reise durch die Geschichte, die die Lebensentwürfe der heutigen Generation Y mit der damaligen Zeit verknüpft.

Das Projekt wurde von Arte in Kooperation mit anderen Sendern ins Leben gerufen. Sie nutzen das Format "Doku-Fiction", was bedeutet, dass historische Spielszenen mit dokumentarischen Elementen aus der Gegenwart gemischt werden. Das Kloster Comburg im Norden Baden-Württembergs ist dafür die perfekte Kulisse.

Im Gewölbekeller der Comburg hat sich das Filmteam eingerichtet. Auf dem Tisch liegen Obst, Schminkutensilien und ein Drehplan. Auf der ersten Seite des Blätterstapels steht der Titel der Serie. Darüber ist Leonardo Da Vincis vitruvianischer Mensch abgebildet. "Das erste Selfie der Geschichte", sagt Produzent Ulli Pfau lachend. "Für mich ist diese Skizze ein Symbol für das Thema der Filmreihe: Das Ich rückt plötzlich ins Zentrum." Die sechsteilige Serie handelt von Revolutionen im Mensch- und Werteverständnis. Frühere Umbrüche wie der Buchdruck werden mit heutigen Entwicklungen wie dem Internet kritisch in Verbindung gesetzt. Die Frage, die der Trailer der Filmreihe aufwirft: "Welche Kathedralen errichten wir im digitalen Zeitalter?" "Luther allein war uns zu abgedroschen. Um ihn als Person wird es sich beim Jubiläum überall drehen", sagt der Produzent.

Das knappe Budget sorgt für Zeitdruck beim Dreh

Regisseur Wilfried Hauke beäugt kritisch die Kulisse und gibt letzte Anweisungen. Er inszeniert nicht nur, sondern ist auch Ideengeber. Beeinflusst wurde er von David Mitchells "Cloud Atlas": Wie in dem bekannten Roman gibt es auch in der "Neuerfindung der Welt" einen roten Faden, der die Protagonisten über Zeitepochen hinweg miteinander verbindet. "Deshalb arbeiten wir nur mit vier Darstellern", erläutert Hauke. Diese übernehmen alle Rollen.

Ob am Personal auch aus finanziellen Gründen gespart wird? "Für dieses Format sind die veranschlagten 1,4 Millionen eigentlich zu wenig", gibt Produktionsleiter Jan Bullerdieck zu. Die Dreharbeiten müssen deshalb bis zum Frühling über die Bühne gegangen sein.

"Natürlich ist der Zeitdruck eine Herausforderung. Wir müssen mehrmals am Tag den Charakter wechseln", erzählt Schauspieler Ronald Spiess, bevor er als Jan Hus auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. "Und man darf sich den Druck beim Spielen nicht anmerken lassen", ergänzt Luther-Darsteller Daniel Arthur Fischer.

Viele kreative Köpfe sind an dem Dreh beteiligt - und wollen mitreden. "Wilfried wollte als eingesessener Schleswig-Holsteiner zum Beispiel nicht in Württemberg drehen. Als er das Kloster dann gesehen hat, war er aber überzeugt", erzählt Ulli Pfau mit einem Augenzwinkern. Die Begeisterung über den Drehort ist groß. Die Gegend um Schwäbisch Hall sei laut Hauke optimal, weil sie unterschiedliche Kulissen bietet: Abends folgt eine Inszenierung auf dem Kocher.

Die historischen Teile der Serie werden allesamt in Deutschland gefilmt, für das Dokumentarische geht es auch ins Ausland. Ein Dreh hat Ulli Pfau besonders fasziniert: "Es ging um einen iranischen Rapper, der sich mit dem Islam beschäftigt." Vielleicht wird er ja der nächste Martin Luther - mit iPhone.

Daten zum Filmdreh

Beteiligte Die Produktion der Serie übernimmt die Firma EIKON aus Stuttgart in Zusammenarbeit mit ARTE, rbb, Radio Bremen, SWR und Deutsche Welle.

Kosten Rund 1,4 Millionen Euro sind vorgesehen. Die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg fördert das Projekt mit 150000 Euro.

Drehorte Die ersten Spielszenen wurden in der Comburg und auf dem Unterwöhrd in Hall gedreht. Bis Frühjahr besucht das Team Drehorte auf der ganzen Welt, zum Beispiel Wien, New York und San Francisco.

Ausstrahlung Gesendet werden soll die Reihe im Herbst 2016. Danach ist eine gekürzte Fassung für Bildungseinrichtungen vorgesehen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel