Konzert Feuerwerksmusik einmal anders

Schwäbisch Hall / Monika Everling 03.01.2018
Das Schlagzeugensemble „Projekt Stix“ macht zu Silvester im Schwäbisch Haller Sonnenhof mächtig Wirbel. Viele der etwa 400 Zuhörer in der vollbesetzten Arche johlen vor Vergnügen.

Kawumm, krach, bum, klick-klick-klick, pling – so stellt man sich Schlagzeug vor, und so klingt es auch oft im Haller Sonnenhof-Konzert zum Jahreswechsel. Aber Schlagzeug kann noch viel mehr. Insbesondere die Marimba und das Vibraphon sind ausgesprochene Melodieinstrumente. „Das Marimbaphon ist quasi unser Cello oder unsere Geige“, sagt Simon Bernstein in seiner Moderation. Die Töne auf dem Instrument, das es erst seit etwa 100 Jahren gibt, sind so angeordnet wie auf einer Klaviatur.

Bernstein beruft sich also auf Streicher und Klavier – Instrumente, die man im Sonnenhof häufig hört. Diesmal kommt es anders. Deshalb sind neben dem Stammpublikum der bewährten Kammermusikreihe auch Zuhörer da, die nicht so oft in klassische Konzerte gehen. Aber eines scheint alle zu einen: Diese Musik macht gute Laune.

Los geht’s mit der „Tango-Suite“ von Astor Piazzolla, die so oft für verschiedene Instrumente gesetzt wurde, dass man Schwierigkeiten hat, herauszufinden, für welche sie ursprünglich geschrieben wurde. „Bei Piazzolla kann man sich immer bedienen“, findet Simon Bernstein. Schon im ersten Satz bewältigen die vier Schlagzeuger Unmengen an Rhythmus- und Taktwechseln und zudem einige Stimmungsumschwünge. Mal sind die Klänge drängend und motorisch, mal urplötzlich liedhaft. Dieser Satz wirkt wie eine Opernouvertüre, die Themen vorstellt, Szenen anspielt. Und die Musiker von Stix zeigen gleich hier ungeheure Präzision und virtuoses Spiel mit ihren wild wirbelnden Schlägeln.

Donnernder Applaus

Im zweiten Satz hat man kurz den Eindruck, Elektronik sei mit im Spiel, und es gäbe eine Rückkopplung. Tatsächlich kommen die hohen, flirrenden Töne davon, dass Metallplättchen des Vibraphons mit einem Kontrabassbogen angestrichen werden. Die Musiker erhalten bereits für dieses erste Stück donnernden Applaus und Begeisterungsrufe.

Es folgen laut Bernstein „die wohl besinnlichsten Klänge des Abends“: Zwei Sätze aus der „Französischen Suite“ von Johann Sebastian Bach, vom Ensemble bearbeitet für Marimba- und Vibraphon. Die Marimba, mit weichen Schlägeln gespielt, klingt fast wie ein gezupfter Kontrabass oder tiefe Orgelregister.

Das nächste Stück macht ganz anders Dampf: Johannes Wippermann und Simon Bernstein spielen auf zwei Schlagzeug-Sets „Gyro“ von Tomer Yariv, einem israelischen Schlagzeuger. „Für uns ist es toll, wenn ein Schlagzeuger auch komponiert, denn das, was andere Komponisten schreiben, ist oft schlicht nicht realisierbar. Dafür bräuchte man sechs Hände“, sagt Wippermann. „Gyro“ handelt von Kreisbewegungen, vom Wiederkehren. Das ausgedehnte Werk erinnert stark an die amerikanische Minimal Music, die rhythmische Patterns über lange Zeit wiederholt und nur allmählich verändert.

Die beiden Schlagzeuger spielen erstaunlich synchron. Man bemerkt auch, dass sie enorme körperliche Arbeit verrichten. Es ist gleichzeitig wildes Getrommel und höchst kultiviertes Musizieren. Danach führt eine Showeinlage das Publikum in die Pause: Die vier Stix-Mitglieder beleuchten ihre Sticks – also Schlägel, natürlich – im Dunkeln mit Schwarzlicht, spielen ein rhythmisches Stück ihres Team-Kollegen Aron Leijendeckers und fügen auch Jonglage-Elemente ein.

Töpfe und Pfannen im Einsatz

Später kommen elektronische Klänge dazu. In „Blue Motion“ von Stephen Whibley gibt es nicht nur eine interessante Harmonik mit Rückungen von Tonart zu Tonart sowie einen Marimba-Synthesizer. Und für „One Study“ von John Psathas setzt das Ensemble neben einem Zuspielband auch Töpfe und Pfannen ein. Solist in diesem fast rockigen Stück ist Johannes Wippermann.

Aron Leijendeckers streut dann sein Varieté-Solo ein: Zu Klängen vom Band und solchen, die er mit seinem eigenen Körper erzeugt, legt er eine Art Steptanz zum Thema Ballspiel aufs Parkett. Und am Schluss erscheint sogar noch mit Zaubertricks ein echter Ball – erst klein, dann groß.

Ein „echter Klassiker“ der Marimba-Literatur sei das „Marimba Spiritual“ aus dem Jahr 1980 von Miki Minoru, sagt Bernstein. Der erste Teil ist ein Requiem auf die Verstorbenen einer Dürre in der Sahelzone, der zweite Teil eine Art Befreiungstanz. Letzterer ist wild und auch ein bisschen wirr, Urschreie gehören dazu. Dabei ist jederzeit klar, dass die Musiker niemals die Kontrolle verlieren, dass sie das Werk – wie alle anderen auch – diszipliniert erarbeitet haben.

Dröhnender Beifall, Ovationen und Jubelrufe in der Arche des Haller Sonnenhofs sind der Dank dafür. „Es ist ja nicht so, dass wir mit leeren Händen gekommen sind“, kündigt Bernstein die Zugabe an. Nein, denkt man, eher mit einem vollen LKW. Aber für die Zugabe selbst brauchen die Musiker gar nicht so viel Equipment. Nur acht Feuerzeuge, die im stockdunklen Saal Rhythmen sichtbar machen – eine andere Art „Feuerwerksmusik“ und ein glänzender Übergang in die Silvesterparty.

Info Im „Projekt Stix“ musizieren Slavik Stakhov, Aron Leijendeckers, Johannes Wippermann und Simon Bernstein. Das Ensemble besteht seit dem Jahr 2012.

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